Missbrauch an der Odenwaldschule Nackte Lehrer waren normal

Die Odenwaldschule treibt die Aufklärung der Missbrauchsfälle voran. Die Berichte der Opfer offenbaren immer mehr Verbrechen - um das Wohl der Schüler ging es den meisten Lehrern demnach nie.

Von Tanjev Schultz

Die Theaterhalle der Odenwaldschule ist vollbesetzt, es ist ungemein schwül und heiß, und so muss es sich im Fegefeuer wohl anfühlen. Es ist Freitagabend, das Internat hat zu einem "Wahrheitsforum" geladen, und ehemalige Schüler berichten nun in langen, quälenden und doch befreienden Stunden, wie sie von ihren Lehrern missbraucht wurden und die Aufklärung dieser Verbrechen jahrzehntelang verhindert und verschleppt wurde. Ein Mann sagt, er selbst habe lange Zeit nicht begriffen, was sie ihm angetan haben: "Ich bin ja so erzogen worden, mit einem Erwachsenen ins Bett zu gehen."

Im "Wahrheitsforum" an der Odenwaldschule berichten Missbrauchsopfer von ihren Erfahrungen.

(Foto: ddp)

Als Neunjähriger war er an das berühmte Internat im hessischen Heppenheim gekommen. Das ist jetzt mehr als 30 Jahre her. Der Mann hat mehrere hundert Therapiestunden hinter sich, und allmählich gewinnt er die Herrschaft über seine Gefühle zurück. "Ich hatte sogar verlernt, Traurigkeit zu empfinden." Er habe es nicht für möglich gehalten, dass er jemals hier in der Schule sitzen und öffentlich über den Missbrauch sprechen werde. Er hat es geschafft.

Auch Lehrer, von damals und von heute, sind in die Theaterhalle gekommen. Manche schweigen, andere beteuern, damals nichts mitbekommen zu haben. Ein Lehrer gibt zu, eine Beziehung mit einer Schülerin gehabt zu haben. Ein anderer sagt, Ende der neunziger Jahre, als die Übergriffe erstmals publik wurden, habe er "kein Bedürfnis" gespürt, Einzelheiten zu erfahren. Ein anderer gibt zu, überfordert gewesen zu sein und zu wenig nachgefragt zu haben.

Die Hauptbeschuldigten fehlen an diesem Abend, einige sind bereits tot. Strafrechtlich sind fast alle Taten verjährt. Die Betroffenen verlangen dennoch Gerechtigkeit, sagt der neue Sprecher des Schulvorstands, der Journalist Johannes von Dohnanyi, der das Internat einst selbst besucht hat. Zwei von der Schule beauftragte Juristinnen gehen mittlerweile davon aus, dass mehr als 50 Jungen und Mädchen an dem Internat von sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen betroffen waren. Im Kreis der Altschüler sprechen einige von mindestens hundert Opfern. Viele seien noch nicht so weit, sich zu melden und über die Erlebnisse zu sprechen.

Warum, fragt Johannes von Dohnanyi in die Runde, hat sich die Schule den Missbrauchsfällen nicht schon viel früher gestellt? Warum dauerte es so lange, bis die Betroffenen endlich gehört und anerkannt werden? Verstehen kann man das auch an diesem Abend nicht. Der frühere Schulleiter Gerold Becker, einer der Hauptbeschuldigten, konnte in den siebziger und Anfang der achtziger Jahre offenbar walten, wie es ihm gefiel. Er hatte durchaus Gegner im Kollegium, aber man beließ es bei großen ideologischen Debatten oder verlor sich im Klein-Klein der Hausordnung.

"Die Kinder waren zweitrangig", sagt Salman Ansari. Er kam 1974 als Lehrer an die Privatschule und gehört zu den wenigen, die sich frühzeitig auf die Seite der Opfer stellten und sich dafür von Kollegen als Verräter beschimpfen lassen mussten. Ansari sieht in der Reputation der Odenwaldschule, diesem lange Zeit als reformpädagogische Musteranstalt gefeierten Internat, einen "großen Bluff". In Wirklichkeit hätten sich die Lehrer über guten Unterricht und die Betreuung der Kinder kaum Gedanken gemacht. Wie man vorging, was gelang oder misslang, sei weitgehend dem Zufall und dem einzelnen Pädagogen überlassen worden. Die Odenwaldschule als Mekka einer fortschrittlichen Pädagogik: Das sei bloß ein Märchen gewesen, sagt Ansari. Man habe in einer Scheinwelt gelebt, wie in Andersens Märchen "Des Kaisers neue Kleider". Dort tun alle so, als trage der Kaiser feinste Gewänder. In Wahrheit ist er splitternackt.