Karriere Warum sich fähige Menschen oft für Hochstapler halten

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Selbstzweifel kratzen an dem Glauben an die eigenen Fähigkeiten

(Foto: Illustration Jessy Asmus)
  • Hochstapler-Phänomen nennen Psychologen das Denkmuster, das Selbstzweifler lähmen kann.
  • Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.
  • In Experimenten ließen sich die gefühlten Hochstaplerinnen allerdings von Kritik weniger beeindrucken als Männer.
Von Sebastian Herrmann

Der Chef stellt eine Frage, die anderen Teilnehmer der Konferenz schweigen erwartungsvoll. Angst wallt auf: Dies ist der Moment, in dem alles auffliegt. Nun werden die Kollegen merken, dass ein ahnungsloser Hochstapler unter ihnen sitzt, der seine Position purem Glück verdankt. Der Zweifler würgt einige Sätze hervor und befürchtet das Schlimmste. Doch die Runde nickt und geht einfach zum nächsten Punkt über. Von wegen aufgeflogen, wieso auch? Da hält sich jemand für eine Flasche, der gar keine ist. Hochstapler-Phänomen nennen Psychologen dieses Denkmuster - und wie eine Studie zeigt, kann es regelrecht lähmen.

Das Phänomen scheint weit verbreitet zu sein und betrifft Männer wie Frauen gleichermaßen. Angeblich plagt etwa zwei Drittel aller Erwachsenen zumindest hin und wieder das Gefühl, sie seien fehl am Platze und hätten sich ihre Position nur durch Zufälle erschlichen.

Geprägt wurde der Begriff 1978 von zwei klinischen Psychologinnen, die erfolgreiche Frauen therapierten. Die Patientinnen erzielten hervorragende Ergebnisse in Leistungstests, waren überdurchschnittlich gut ausgebildet oder für ihre Arbeit ausgezeichnet worden. Dennoch quälte sie das Gefühl, sie verdienten ihren Erfolg nicht und würden bald als Schwindlerinnen auffliegen. Auch die Schauspielerin Natalie Portman berichtete einmal, dass sie sich während ihres Harvard-Studiums mit derlei Gedanken plagte. Ihr Kollege Tom Hanks schilderte ähnliche Gefühle.

Negatives Feedback verstärkt die Zweifel an der eigenen Kompetenz

Erfolg schützt also nicht vor dem Hochstapler-Phänomen, im Gegenteil, er könnte dieses sogar befeuern. Mit jeder genommenen Sprosse auf der Karriereleiter steigen die Erwartungen und wächst die Lücke zwischen Anspruch und Selbstbild. Psychologen um Brooke Gazdag von der Uni München zeigen nun im Fachjournal Personality and Individual Differences, wie solche Selbstzweifler auf Kritik und Druck reagieren - und da scheinen sich Männer und Frauen doch zu unterscheiden.

In den Experimenten ließen sich die gefühlten Hochstaplerinnen weniger in ihrem Selbstbild beeindrucken: Nach Kritik steigerten sie ihre Bemühungen. Die Männer ließen sich hingegen eher hängen und litten stärker unter Angst.

Unabhängig vom Geschlecht verstärkt negatives Feedback bei gefühlten Hochstaplern den Glauben daran, dass es einem ganz grundsätzlich an der nötigen Kompetenz fehle. Das nährt weitere Zweifel, und die Betroffenen steigern die eigenen, überzogenen Ansprüche an sich. Oder sie beginnen zu prokrastinieren: Lieber gar nichts auf die Kette kriegen als Mist bauen. Egal ob Perfektionismus oder Trödelei, als Kondensationskeim für Unglück, Stress und depressive Verstimmungen können beide Varianten wirken.

Kompetent zu sein und sich kompetent zu fühlen, sind zwei unterschiedliche Angelegenheiten. Psychologen empfehlen deshalb, etwa Listen mit Erfolgen zu führen, die durch eigene Anstrengungen erzielt wurden oder aufzuschreiben, wenn etwas ganz ohne eigenes Zutun in die Hose gegangen ist. Und natürlich hilft auch in diesem Fall: mit anderen reden. Dann werden viele Kollegen erleichtert beichten, dass es ihnen genauso geht und sie ebenfalls fürchten aufzufliegen. Wie beruhigend, dass die anderen auch zweifeln.

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