Führungskräfte Ohne Maske

Erst wenn der Topmanager die Maske fallen lässt, kann er authentisch werden

(Foto: Daniel Hofer)

Für Topmanager ist authentisches Auftreten heute wichtiger als Fachkompetenz oder Belastbarkeit. Doch wie erreicht man das?

Von Michael Kläsgen

Leila Adjemi erzählt von einem Chef, der sich bei seiner Sekretärin ausweinte, weil er einfach nicht mehr konnte. "Nein, das ist natürlich nicht authentisch", sagt Adjemi. Sie arbeitet seit 17 Jahren als Coach in Tübingen und begleitet ausgebrannte Geschäftsführer, Klinikleiter und Politiker, manchmal über mehrere Jahre hinweg. Den Begriff Authentizität kann sie nicht mehr hören. Er sei kaum aussprechbar, zu schwammig, zu oft missbraucht und verdreht worden. Und doch ist er allgegenwärtig.

Authentizität - kaum ausprechbar und doch allgegenwärtig

Gleich vier Studien der Akademie der Führungskräfte der Wirtschaft kamen in den vergangenen Jahren zu dem Ergebnis: Authentizität ist die wichtigste Eigenschaft eines guten Managers. Authentizität bewerten Mitarbeiter durchgängig höher als Fachkompetenz, Einfühlungsvermögen oder Belastbarkeit.

Aber was heißt das eigentlich: authentisch? Der Begriff ist ein Quell von Missverständnissen. Oder wie der Blogger und Berater Damian Sicking sagt: "Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch." Das heißt, einen Chef, der sich auf Kosten anderer selbstverwirklicht und das Innerste ungefiltert nach außen kehrt, weinend oder schimpfend.

Der Begriff ist ein Mythos

Für Trainerin Leila Adjemi ist ein authentischer Chef jemand, der emotionale Intelligenz hat, der weiß, wie er mit eigenen auch unliebsamen Gefühlen umgeht und was er davon nach außen gibt. Jemand, der versteht, zwischen den "Subrollen zu wechseln", der mal Kollege, mal Vater, mal Sohn, mal Freund, aber dennoch immer Chef ist, ohne zu schauspielern. Einer, der sich und den Werten des Unternehmens treu bleibt.

Echt ist recht

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Tiemo Kracht hat fast täglich mit dem Begriff zu tun. Er ist Geschäftsführer von Kienbaum, Deutschlands größtem Personalberatungsunternehmen. Er sucht Topmanager im Auftrag von Unternehmen. Zum Anforderungsprofil zählt natürlich Fachkompetenz, aber fast immer auch das Kriterium "Authentizität". Der Headhunter hält den Begriff für einen Mythos.

Jeder Topmanager muss eine Rolle spielen

"Mythos Authentizität", so heißt auch das Buch seines Kollegen Rainer Niermeyer, Geschäftsleitungsmitglied von Kienbaum Management Consulting. Jeder Topmanager müsse ein Rollenverhalten an den Tag legen, sagt Kracht. "Niemand kann sich in seiner Authentizität ausleben. Jeder noch so autonomen Persönlichkeit sind hier Grenzen gesetzt." Weinen vor der Sekretärin oder Wutausbrüche vor den Mitarbeitern liegen jenseits der akzeptierten Individualität.

Authentizität, sagt Kracht, sei immer dann gegeben, wenn ein Topmanager das richtige "Unternehmensbiotop" gefunden habe und sich in starkem Maße mit der Führungsaufgabe identifizieren könne. Dann entstehe eine große Schnittmenge zwischen persönlichen Werten und denen des Unternehmens. "Daher ist Authentizität eher mit Glaubwürdigkeit, Verlässlichkeit, Klarheit, Berechenbarkeit und Zielsicherheit in Verbindung zu bringen."

Beim Autobauer Audi finden sich solche Attribute im Führungsleitbild. Personalvorstand Professor Thomas Sigi sagt: "Wir sind der Überzeugung, dass Authentizität und Glaubwürdigkeit wichtige Grundlagen guter Führung sind. Authentische Führung ist insofern ganz entscheidend, da die Führungskraft eine Vorbildfunktion innehat und sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter daran orientieren." Das heißt, im Grunde geht es darum, dass der Chef vorlebt, was er von den Mitarbeitern verlangt.