Frage an den SZ-Jobcoach Wie bewerbe ich mich, wenn ein Zeugnis fehlt?

SZ-Leserin Kathrin F. ist Bürokauffrau und hat für ihren ersten Job kein Arbeitszeugnis erhalten. Wie soll sie das bei einer Bewerbung erklären?

SZ-Leserin Kathrin F. fragt:

Vor mehr als 25 Jahren habe ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und wurde anschließend gleich vom Unternehmen übernommen. Damals habe ich mich nicht um ein Arbeitszeugnis gekümmert. Die beiden folgenden Stellen als Team-Sekretärin bekam ich ohne Probleme und habe dort auch Arbeitszeugnisse erhalten. Inzwischen bin ich 45 Jahre alt und suche einen neuen Job. Zum ersten Mal in meinem Leben stelle ich nun also eine Bewerbung zusammen. Wie erkläre ich das fehlende Arbeitszeugnis?

Vincent Zeylmans antwortet:

Liebe Frau F., vor zehn Jahren gab es in Deutschland fünf Millionen Arbeitslose, das Land befand sich mitten in der Wirtschaftskrise, neue Jobs waren rar. Unternehmen wollten sich damals (anders als während der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende) nicht von ihrem Stammpersonal trennen. Wenn eine Firma dann doch einmal neue Mitarbeiter suchte, war die Auswahl groß, und bei gleicher Eignung konnten Kleinigkeiten den Ausschlag geben.

Die Zeiten haben sich geändert. Die Arbeitslosenquote hat sich halbiert, viele Mittelständler suchen verzweifelt nach Personal. Manche Bewerber kopieren heute einfach ihre Unterlagen und setzen nur den Namen des jeweiligen Unternehmens ein. Andere senden gar keinen Lebenslauf mehr, sondern verweisen lediglich auf ihr Linkedin-Profil. Die individuelle Note bleibt dabei auf der Strecke. Kein Wunder, dass Personaler sagen, nur zehn Prozent der Bewerbungen seien verwertbar. Gleichzeitig sind sie selbst immer hastiger bei ihrer Suche. Nach einer aktuellen Studie verwenden Personaler weniger als zwei Minuten auf die Erstdurchsicht von Bewerbungsunterlagen.

Nicht jedes Nein ist endgültig

Viele Bewerber ärgern sich über Absagen und melden sich nie wieder bei der Firma. Besser wäre es, sie würden sich bei dem Unternehmen bedanken. Von Larissa Holzki mehr ...

Die Generationen Y und Z, also die Bewerber bis Ende 30, haben sich übrigens mittlerweile vom lückenlosen Lebenslauf verabschiedet und empfinden die durchgängige Nachweispflicht in ihrer Biografie nicht länger als zeitgemäß. Versteifen Sie sich also nicht auf ein fehlendes Dokument von vor 25 Jahren!

Gestalten Sie zunächst einen professionellen Lebenslauf. Zeigen Sie, was Sie beruflich geleistet haben. Eine strukturierte Aufzählung Ihrer Tätigkeiten ist schon mal gut. Noch besser ist es, wenn Sie die einzelnen Leistungen und Erfolge, die Sie in Ihrem Verantwortungsbereich vorzuweisen haben, klar dokumentieren. Dazu verfassen Sie ein aussagefähiges Anschreiben. Zeigen Sie nicht nur auf, weshalb Sie den Anforderungen an die Position entsprechen. Erwähnen Sie auch, warum Sie gerne für dieses Unternehmen arbeiten möchten. Runden Sie den Brief mit einer Beschreibung Ihrer persönlichen Kompetenzen ab.

Wenn Sie dann noch die wesentlichen Faktoren, die Sie für die ausgeschriebene Position auszeichnen (Ausbildung, Werdegang, Branchenkenntnisse, soziale Kompetenzen), auf einem Deckblatt mit einen gewinnenden Bild auflisten, kommt keiner auf die Idee, dass ein Zeugnis fehlen könnte. Erklären Sie bitte nichts - denn erst dadurch rufen Sie Fragen hervor. Sollte das Thema im Vorstellungsgespräch dann doch am Rande erwähnt werden, antworten Sie einfach wahrheitsgetreu.

Viele mir bekannte Firmeninhaber haben ganz andere Sorgen als etwa fehlende Zeugnisse. Sie beklagen mangelhafte Grammatikkenntnisse und abhanden gekommene Manieren, sie vermissen die Kenntnis grundlegender Kommunikationsregeln wie festen Blickkontakt oder die Konzentration auf ein Thema. Wenn Sie diese Tugenden mitbringen, wird die Sympathie entscheiden und das Arbeitszeugnis keine Rolle mehr spielen.

Vincent Zeylmans war lange Abteilungsleiter in internationalen Konzernen und kennt deren Rekrutierungspolitik aus der Praxis. Heute ist er Autor, Karriere-Coach und Outplacement-Berater.

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