Frage an den SZ-Jobcoach Bin ich mit 33 Jahren noch der Richtige für Junior-Positionen?

Stephan P. kann Ausbildung, Hochschulabschluss und Berufserfahrung vorweisen. Nun sucht er einen neuen Job und ist unsicher, auf welche Positionen er sich bewerben soll.

SZ-Leser Stephan P. fragt:

Ich bin 33 Jahre alt, habe eine Berufsausbildung absolviert, einen Hochschulabschluss und insgesamt sechs Jahre Berufserfahrung, davon drei Jahre in dem Bereich, in dem ich aktuell auf Jobsuche bin. Nun wurde mir von mehreren Seiten empfohlen, mich auch auf Junior-Positionen zu bewerben, weil man damit einen leichteren Einstieg hätte. Ist es in meiner Situation wirklich noch sinnvoll, mich auf Junior-Positionen zu bewerben? Oder erscheint das eher unglaubwürdig?

Vincent Zeylmans antwortet:

Lieber Herr P., zunächst ist es notwendig, den Begriff "Junior-Position" zu klären. Wenn Sie damit eine operative Sachbearbeiterstelle meinen, kenne ich viele Menschen, die auch nach 25 Berufsjahren noch in einer solchen Funktion tätig sind, sogar als Akademiker. Das kann viele Gründe haben: Zufriedenheit mit der Routine, das Bedürfnis nach einem berechenbaren Leben und einer guten Work-Life-Balance. Oder es hat einfach mit dem Aufstieg nicht funktioniert.

Der SZ-Jobcoach

Der Autor und Coach Vincent Zeylmans war jahrelang Abteilungsleiter in internationalen Konzernen und kennt deren Rekrutierungspolitik aus der Praxis.

Ihre berufliche Entwicklung kann ich natürlich nicht genau einschätzen. Von einem sogenannten Downsizing, einem Rückschritt auf der Karriereleiter, rate ich allerdings im Moment ab. Wir erleben in Deutschland eine Phase der niedrigsten Arbeitslosigkeit seit 24 Jahren. Bundesländer wie Baden-Württemberg oder Bayern weisen Vollbeschäftigung vor. Manche Unternehmer berichten, dass sie sich in einem regelrechten "war for talents" gegen ihre Wettbewerber durchsetzen müssen. Ein Krankenhaus in Hamburg wirbt um neue Mitarbeiter mit dem Slogan: "Wir bewerben uns bei Ihnen." Ein Bauunternehmen in Stuttgart schult seine Führungskräfte, damit sie die Kandidaten im Vorstellungsgespräch besser von sich überzeugen können.

Meiner Erfahrung nach sind Unternehmen bei der Besetzung von Stellen keinesfalls auf der Suche nach "Schnäppchen". Sie werden vielmehr misstrauisch, wenn ein Kandidat mehr Potenzial hat, als es der Job erfordert, oder wenn er sich zurückstuft, weil er meint, damit die Stelle eher zu bekommen. In solchen Fällen kommt leicht der Verdacht auf, dass jemand die Stelle aus Verlegenheit oder reiner Verzweiflung annimmt, um dann aus einer sicheren Parkposition in Ruhe nach einem besseren Job Ausschau zu halten.

Bevor Sie in die Bewerbungsphase eintreten, sollten Sie sich überlegen, welchen Werdegang Sie eigentlich anstreben. Wenn Ihnen eine klassische Karriere vorschwebt, mit einer kontinuierlichen Zunahme von Verantwortung, die auch monetär honoriert wird, ist das nachvollziehbar.

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Wenn Sie aber - wie übrigens viele gut ausgebildete Menschen der Geburtsjahrgänge nach 1980, die man pauschal der Generation Y zuordnet - auf eine Führungsposition verzichten möchten, wäre dies auch nicht ungewöhnlich. Umfragen haben ergeben, dass 60 Prozent der sogenannten Digital Natives keine Personalverantwortung übernehmen möchten. So entstehen neben Führungskarrieren zunehmend auch die Fachkarrieren mit vergleichbaren Entwicklungschancen.

Heute ist vielen Arbeitnehmern bewusst, dass sie möglicherweise bis ins Alter von 70 Jahren arbeiten werden. Manche integrieren daher Erholungsphasen und einen Ausgleich zum Job von Anfang an in ihren Karriereplan. Sie haben keine Angst vor Lücken im Lebenslauf und vor Patchwork-Mustern. Wegen des demografischen Wandels haben Menschen mit solchen Biografien dennoch sehr gute Chancen, sich am Arbeitsmarkt zu behaupten. Und es ist legitim, wenn sie auf einer Junior-Position verharren, weil sich diese am besten mit ihrem Lebensentwurf in Einklang bringen lässt.

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