Frage an den SZ-Jobcoach Bewerbung ohne Arbeitszeugnisse?

Wie bewirbt man sich mit fehlenden Arbeitszeugnissen? Ein Jahrzehnt lang war Stefan Z. selbstständig und seinen jetzigen Arbeitgeber möchte er nicht um eine Beurteilung bitten. Wie man Personaler auch so von sich überzeugt, erklärt der SZ-Jobcoach.

Stefan Z. fragt:

Ich möchte eine Initiativbewerbung an eine mir bekannte Firma schicken, bei der gerade eine Stelle frei geworden ist. Das Problem: Ich habe keine Arbeitszeugnisse. Von meinem derzeitigen Arbeitgeber kann ich kein Zeugnis erbitten, da ich meinen Veränderungswunsch nicht kundtun will. Zuvor war ich zehn Jahre lang selbständig und habe aus dieser Zeit keine Bescheinigungen, nur einen gewissen Bekanntheitsgrad in der Branche. Aus der Zeit vor 2001 habe ich ebenfalls keine derartigen Nachweise. Wie soll ich das Fehlen der Dokumente erwähnen und erklären?

Vincent Zeylmans sagt:

Die Bedeutung von Zeugnissen soll nicht überbewertet werden. Die meisten Personalleiter und Headhunter sehen diese Dokumente als "flankierende" Information an. Sprich: Wenn die Bewerbung überzeugt, wird überprüft, ob die Zeugnisse diesen Eindruck bestätigen. Wenn der Lebenslauf nicht anspricht, wird auch ein Zeugnis keinen Sinneswandel herbeiführen. Es ist auch nicht dramatisch, wenn - zwischen vielen guten Zeugnissen - ein Zeugnis möglicherweise eine geringere Qualität vorweist. Vielleicht hat einfach die Chemie in diesem Unternehmen nicht gestimmt. Oder - und dieses ist keine Seltenheit - ein kleines mittelständisches Unternehmen meint es gut; der Chef selbst schreibt das Zeugnis, kennt sich leider nicht aus und dokumentiert in Unkenntnis fälschlicherweise die Unfähigkeit seines Mitarbeiters.

Nur Deutschland misst Zeugnissen diese Bedeutung bei - was bereits dazu führt, dass jeder, der mal für ein nichtdeutsches Unternehmen im Ausland gearbeitet hat, kein Zeugnis vorweisen kann nach hiesigem Standard. Andere Länder legen mehr Wert auf Referenzen. Diese können Sie natürlich ebenfalls angeben. Auch derjenige, der 15 Jahre für ein Unternehmen gearbeitet hat, kann möglicherweise kein Zeugnis vorlegen. Es ist vorteilhaft, sich ein Zwischenzeugnis ausstellen zu lassen bei Chefwechsel oder Übernahme einer neuen internen Tätigkeit. Aber die Gelegenheit bietet sich nicht immer. Und wer ein Zwischenzeugnis erbittet, dem kann mangelnde Loyalität nachgesagt werden. Im Extremfall wird der Mitarbeiter bei Beförderungen nicht mehr berücksichtigt. Auch die Freiberuflichkeit kann eine Ursache für ein nicht vorhandenes Zeugnis sein.

In Ihrem Fall würde ich keineswegs auf fehlende Dokumente hinweisen. Die Gründe sind für jeden geübten Personaler selbstverständlich. Eine Erläuterung richtet den Fokus auf eine Tatsache, die als problematisch empfunden werden könnte. Gerade dadurch kommt der Adressat möglicherweise ins Grübeln.

Sollte dieses Thema im Vorstellungsgespräch angesprochen werden, gibt es neben der Erklärung dennoch Möglichkeiten, die Zeiträume zu dokumentieren. Die Erfolge während der Selbständigkeit können mit Wachstum, Umsatzsteigerungen oder Kundenakquisitionen belegt werden. Schließlich haben Sie zehn Jahre von Ihrer Freiberuflichkeit gelebt. Natürlich können Sie über die Abwicklung von Projekten und Mandaten berichten und in dieser Weise von Ihrer Arbeitsqualität überzeugen.

Aus dem Angestelltenverhältnis liegen Ihnen möglicherweise interne Bewertungen - Leistungsbeurteilungs- oder Zielvereinbarungsgespräche - vor. Sollte das nicht der Fall sein, wird erwartet, dass Sie nicht nur einen Lebenslauf vorlegen, sondern konkret über Leistungen, Erfolge und Ergebnisse berichten können. Wie wird Ihre Handschrift sichtbar? Welche Veränderungen haben Sie bewirkt? Auf welche nachhaltigen Resultate können Sie verweisen? Schreiben Sie das gerne auch auf eine eigene Seite. Das wird Ihnen helfen.

Vincent Zeylmans war jahrelang Abteilungsleiter in internationalen Konzernen. Deren Rekrutierungspolitik kennt er daher aus der Praxis. Heute lebt er als Buchautor, Führungskräftecoach und Managementtrainer in Emmerich am Rhein.

Haben Sie auch eine Frage zu Bewerbung, Berufswahl, Etikette, Arbeitsrecht, Karriereplanung oder Führungsstil? Schreiben Sie ein paar Zeilen an coaching@sueddeutsche.de. Unsere sechs Experten beantworten ausgewählte Fragen im Wechsel. Ihr Brief wird selbstverständlich anonymisiert.