Frage an den Jobcoach Darf ich den Chef per Sammel-E-Mail als Kollegen ansprechen?

Xavier S. fürchtet, einen Etikette-Fauxpas begangen zu haben. Nun bitte er den SZ-Jobcoach um Rat.

SZ-Leser Xavier S. fragt: Ich bin Projektmanager in einem Zulieferer-Unternehmen und habe vor einiger Zeit eine Mail an die ganze Abteilung geschickt, um über einen Termin zu informieren. Auch den Chef habe ich in den Adressverteiler aufgenommen, weil die Info ihn ebenfalls betraf. Als Anrede habe ich geschrieben: "Liebe Kollegen und Kolleginnen". Nun habe ich erfahren, dass unser Chef sich sehr geärgert hat, dass ich ihn als Kollegen bezeichne. Habe ich einen Fauxpas begangen? Soll ich mich offiziell entschuldigen oder es besser aussitzen?

Jan Schaumann antwortet:

Lieber Herr S., hoffentlich greife ich mit der Anrede nicht daneben, wenngleich ich guter Dinge bin, dass Sie sich durch "Lieber Herr S." nicht überrumpelt fühlen. Immer wieder höre ich von Missstimmungen, die durch vermeintliche Unachtsamkeiten ausgelöst wurden. Die unangemessene Form der Anrede unterliegt meiner Wahrnehmung dabei seit Jahren einem gewissen Wandel.

Wäre es in den 1950er-Jahren noch ein Sakrileg gewesen, den Vorgesetzten nicht mit "Chef" oder "Herr Direktor" anzureden, ist heutzutage der Name der jeweiligen Person üblich. In vielen Unternehmen hat zudem bereits der Vorname als gängige Anredeform Einzug gehalten.

Woran liegt das? Zum einen daran, dass unsere Gesellschaft nach und nach egalitärer wird. Standesunterschiede und die förmliche Abgrenzung sozialer Schichten existieren im privaten Alltag de facto nicht mehr. Natürlich bekleiden Menschen im Laufe ihres Lebens unterscheidbare, soziale Funktionen oder berufliche Positionen - jedoch nicht mehr im Sinne der früheren Stände. Im beruflichen Bereich werden Hierarchien flacher. Etliche Unternehmen verzichten darauf, Hierarchien - wenn sie denn überhaupt existieren - nach außen zu kommunizieren. Auch intern pflegen sie einen kollegialen, vertrauensbasierten Umgang. Das gilt nicht nur für die gerne zitierten Start-ups, auch etablierte und nicht gerade erfolglose Läden wie zum Beispiel Hewlett Packard gehören dazu.

Allerdings trifft das bei Weitem nicht für alle Firmen zu. Und erst recht nicht für alle Menschen in diesen Unternehmen. Denn manche Führungskräfte sehen in diesen kleinen Claim-Absteckungen eine der letzten verbliebenen Möglichkeiten, sich im kollektiven Großraumbüro ein wenig abzugrenzen. Wenn schon mein Eckbüro zugunsten einer partnerschaftlichen Atmosphäre entfallen ist, schaffe ich mir meine virtuelle Trutzburg durch die kommunizierte Bedeutung einer in meinen Augen angemessenen Form der Anrede.