Berliner Gründerszene Lieber Chefin als Angestellte

Kind und Karriere - das kommt in Firmen nicht allzu häufig vor. Zudem wagen Frauen seltener den Schritt in die Selbständigkeit - etwa mit einem Start-up-Unternehmen. Dabei könnte die digitale Avantgarde viel von ihnen lernen.

Von Sophie Crocoll

Die Internetbranche verdient ihr Geld damit, heute zu ahnen, wie Menschen morgen leben, suchen, kaufen - und sie gilt auch deshalb als modern. An vorgestern erinnert dagegen die Anzahl der Frauen, die Internetunternehmen führen: Laut Branchenverband Bitkom sind es im IT-Bereich gerade einmal sechs Prozent. Die Branche ist klar männlich dominiert, Gründerinnen muss man suchen, auch in Berlin, dem Treffpunkt der deutschen Szene.

Eva Missling hält sich nicht für etwas Besonderes. Als Wirtschaftsingenieurin ist sie es gewohnt, mit Männern zu konkurrieren. Auch in der Gründerszene in der Hauptstadt präsentieren sich Männer anders als Frauen, das hat sie beobachtet: Männer treten noch überzeugter auf. Noch - auch Missling ist durchaus selbstbewusst: "Entweder du hast Lust, ein Start-up zu gründen, du hast eine Idee und findest einen Geldgeber - oder halt nicht", sagt sie. Mit dem Geschlecht hat das für sie nichts zu tun.

Missling ist Gründerin und Geschäftsführerin des Onlineportals 12designer, es bringt Auftraggeber mit Designern zusammen. Sie ist 37 und sagt, dass sie nie in einem großen Unternehmen arbeiten wollte. Sie mag kleine Teams, in denen sie sich mit allen versteht. Das Risiko, mit ihrem Start-up zu scheitern, habe sie verdrängt, sagt Missling: "Aber natürlich wirst du sehr stark am Erfolg deines Projekts gemessen, das nehme ich schon persönlich." Gemocht werden zu wollen, Misserfolg persönlich zu nehmen, das unterscheide Gründerinnen von Gründern, sagen einige Männer in der Branche. Männer gingen höhere Risiken ein - und scheitern sie, würden sie das eher auf äußere Umstände schieben. Beliebte Ausrede: Der Markt war noch nicht so weit.

Crowd-Sourcing mit Gewinn

12designer aber funktioniert. 2008 präsentierte Missling ihre Idee dem spanischen Investor Grupo Intercom. Die Spanier stecken ihr Geld in internetbasierte Geschäfte - und waren von Misslings Projekt so überzeugt, dass sie gleich mit 12designer ein Büro in Berlin eröffneten. Die Internetseite nennt sich selbst einen Marktplatz für Design, auf dem Firmen und Einzelpersonen Logos, Flyer und Webseiten in Auftrag geben und Designer sich mit Entwürfen bewerben können, in Konkurrenz zu anderen Kreativen. Insgesamt sind mehr als 17.000 Designer aus Deutschland, England, Spanien, Italien und Frankreich registriert.

Das Prinzip nennt sich Crowd-Sourcing: Der Kunde lagert seine Aufträge aus (Outsourcing), und zwar an einen ganzen Haufen von Designern (Crowd); und er bezahlt eine Nutzungsgebühr an 12designer. "Das geht schneller und ist viel günstiger, als eine große Agentur zu beauftragen", sagt Missling. Anfang 2012 mache ihre Firma zum ersten Mal Gewinn.

Auch Constanze Buchheim führt ein Start-up. Und sie ist nicht, wie Missling, nur eine der wenigen Gründerinnen in Berlin, sie ist auch Mutter - und sieht darin nur Vorteile für ihren Arbeitsalltag: "Es ist einfacher, Geschäftsführerin und Mutter zu sein, als Angestellte und Mutter", sagt die 30-Jährige. Im Mai 2009 gründete sie die Personalagentur i-potentials, die auf Start-ups spezialisiert ist; das war einen Monat, nachdem sie ihren Sohn bekam. Seither arbeite sie am Tag viel effizienter, damit sie pünktlich das Büro verlassen kann. Sie wolle eben mit ihrer Familie essen und den Sohn ins Bett bringen, sagt sie.

Geschäftspartner beschreiben Buchheim als tough, sie nennt ihre Gesellschafter Sparringpartner, die "da sind, wenn ich sie brauche, und nicht da, wenn ich sie nicht brauche". Eines aber hat Buchheim nach der Gründung schnell gemerkt: "Ich musste die Illusion aufgeben, dass beides gleichzeitig geht", sagt sie. "Einer muss eine Weile zu Hause bleiben." Das übernahm Constanze Buchheims Mann, er ist selbständig - in der IT-Branche. Vielleicht wird die Szene doch noch zum Zukunftsmodell.