Autismus im Job Normal im Kopf, das gibt es nicht

Synästhetiker verknüpfen Zahlen mit Farben oder Schrift mit Geschmacksempfinden - diese Gehirnanomalie macht besonders kreativ.

(Foto: ; Illustration Julia Busch)

Nur langsam erkennen Arbeitgeber, dass die Norm nicht das Nonplusultra ist. Beim Gehirn sind vermeintliche Fehler in bestimmten Berufen sogar von Vorteil.

Von Jeanne Rubner

Denise hasst es, wenn man ihr die Hand gibt. Das Gefühl von nackter Haut auf nackter Haut, das ist eklig. Dann schon lieber eine Umarmung, da ist zwischen ihr und dem anderen Menschen wenigstens ein bisschen Stoff. Denise hasst es auch, anderen in die Augen zu schauen, sie musste es mühsam lernen. Lügnerin nannten andere Kinder sie deshalb früher. Bis heute versteht Denise nicht, wie man Freunde findet. Und die meisten Witze kapiert sie auch nicht.

Denise Linke hat Asperger, eine milde Form von Autismus. Das allerdings weiß sie erst seit ein paar Jahren. Als die heute 27-Jährige sich einmal die Ohren zuhielt, weil sie den vorbeifahrenden Krankenwagen unerträglich laut fand, riet ihr ein Bekannter, zum Arzt zu gehen. Nach vielen Tests und Gesprächen bekam sie die Diagnose. Neben Asperger leidet sie auch noch an ADHS, der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung, beides kommt häufig zusammen vor. Inzwischen hat sie das Onlinemagazin N#mmer gegründet, eine Anspielung darauf, dass Autisten häufig gut mit Zahlen umgehen können.

"Wenn wir etwas mögen, sind wir super fokussiert"

Auch Denise mag Zahlen, die sind nüchtern, zuverlässig. Woher die Vorliebe für Ziffern und Nummern und die Abneigung gegen Körperkontakt, laute Krankenwagen oder Kaugeräusche ihrer Mitmenschen kommt, ist unklar. Aber fest steht, dass Autismus nicht, wie lange angenommen, eine Folge gefühlskalter Mütter oder von Impfungen ist. Etwas im Gehirn von Denise und anderen Autisten ist anders verdrahtet. Wenn ein Kind heranwächst, baut sich sein Gehirn ständig um. Neue Nervenfasern entstehen, aber viele Verbindungen werden auch gekappt. Bei Autismus ist die normale Entwicklung gestört, und Bereiche, die daran beteiligt sind, die Gefühle anderer zu erkennen, sind davon betroffen.

Aber dafür, sagt auch Denise, können sie sich ziemlich gut auf bestimmte Aufgaben konzentrieren. "Wenn wir etwas mögen, sind wir super fokussiert", so die junge Frau. Das ungewöhnlich verschaltete Gehirn von Menschen mit Autismus bringt ungewöhnliche Fähigkeiten mit sich. Mit ihrer Liebe für klare Regeln und für Details fällt es ihnen sehr viel leichter, Fehler in Softwarecodes zu finden als vermeintlich "normale" Menschen. Die Wirtschaft hat das inzwischen erkannt, Firmen wie SAP oder die speziell gegründete Berliner Auticon stellen gezielt Autisten ein.