SZ: Die meisten Unternehmenskarrieren beginnen heutzutage mit einem Assessment Center. Gerade das macht doch eine Auswahl so objektiv wie möglich. Oder etwa nicht?

Anzeige

Hartmann: Bei einem Assessment Center für Führungskräfte geht es vor allem um das persönliche Auftreten und um Souveränität. Der Druck ist für die Teilnehmer sehr groß. Und da ist es ein großer Unterschied, ob ein Arbeiterkind das Gefühl hat, eine einmalige Chance zu erhalten, ins Nachwuchsprogramm für Führungskräfte eines großen Unternehmens zu kommen, oder ob der Sohn eines Großindustriellen sagt: Okay, ich kenne das aus meiner Familie, das ist eine Chance, aber nicht die einzige. Er wird immer entspannter in diese Situation hineingehen und sich souveräner verhalten.

b>SZ: Wie müsste ein Bewerbungsverfahren aussehen, damit die Chancen für alle gleich sind?

Hartmann: Es gibt eine Faustregel: Je formalisierter ein Verfahren ist, je weniger individualisiert, je weniger es vom persönlichen Gespräch mit den Bewerbern abhängt, desto größer ist die Chance für diejenigen, die bestimmte familiäre Voraussetzungen nicht mitbringen.

SZ: Auf ein persönliches Gespräch will wohl kein Personaler verzichten.

Hartmann: Natürlich ist das individuelle Gespräch das beste Instrument, um mehr über eine Person zu erfahren. Aber in dem Augenblick, in dem man ein Gespür für eine Person hat, kommen Sympathien, soziale Ähnlichkeit und all das ins Spiel, was für Homogenität unter den Eliten sorgt.

SZ: Warum wählen die Eliten eigentlich so gern ihresgleichen?

Hartmann: Eine Personalentscheidung ist immer mit Unsicherheit verbunden. Wenn man unter seinesgleichen bleibt, dann kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass man in vielen Punkten mit dem Kandidaten übereinstimmt, auch in denen, die nicht abgefragt wurden. Es ist also weniger riskant. Außerdem entwickelt man größere Sympathien für Personen, die einem ähneln. Das gilt ja nicht nur für Eliten.

SZ: So wie Sie die Lage beschreiben, scheint es so zu sein, als ließen sich die Regeln der Eliten nicht durchbrechen.

Hartmann: Das ist in der Tat sehr schwierig. Teilerfolge sind aber möglich. Wir sollten ein durchlässigeres Bildungssystem haben, wie in Skandinavien. Und wir müssen verhindern, dass die Elite sich weiter abhebt, beispielsweise indem Spitzeneinkommen steuerlich stärker belastet werden.

SZ: Mit Steuergesetzen gegen die ungeschriebenen Gesetze der Elite vorzugehen, ist eine drastische Maßnahme. Wie würden Sie das begründen?

Hartmann: Wenn alles so weiterläuft, dann werden die Eliten ihre ureigenen Interessen weiter leicht durchsetzen können. In den USA ist so die Schere zwischen Arm und Reich dramatisch weit aufgegangen. Die oberen zehn Prozent verfügen heute über 50 Prozent des Einkommens. Vor 30 Jahren war es noch ein Drittel. Die Reichen werden immer reicher. Und in den Unternehmen werden sich die Vorstände und Aufsichtsräte auf Kosten der Arbeitnehmer noch mehr in die eigenen Taschen stecken. Deswegen brauchen wir mehr Chancengleichheit und keine Privilegien für die Eliten.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Der Stallgeruch macht's
  2. Sie lesen jetzt "Spitzeneinkommen sollten steuerlich stärker belastet werden"
Leser empfehlen 

(SZ vom 06.02.2010/holz)