In schwierigen Zeiten arbeiten alle länger - nur Frankreich hält an der 35-Stunden-Woche fest. Das mag antiquiert erscheinen, aber es funktioniert. Wenn auch mit Einschränkungen.
Es ist nun zehn Jahre her, dass Frankreich mit einer jener Besonderheiten aufwartete, die im Ausland bis heute kaum einer versteht: die 35-Stunden-Woche. Außerhalb des Landes schaut man längst über diese exception française milde lächelnd hinweg. Frankreich selber diskutiert seit zehn Jahren über kein anderes Wirtschaftsthema leidenschaftlicher als über dieses. Und zwar auch, weil es keine belastbaren Bilanzen gibt, die belegen könnten, was sie gebracht hat, die Arbeitszeitverkürzung. Das wiederum liegt daran, dass kein Thema derart ideologisch aufgeladen ist wie dieses.
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In Deutschland haben sie einst dafür demonstriert, in Frankreich gibt es sie: die 35-Stunden-Woche. (© Foto: AP)
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Fast so, wie das Ende der Kinderarbeit
Beim Thema 35-Stunden-Woche prallen Welten oder besser: Weltanschauungen aufeinander. Die Linke, die die Arbeitszeitverkürzung im Februar 2000 für alle Firmen mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtend machte, sieht darin eine soziale Errungenschaft, fast auf einer Stufe mit dem Ende der Kinderarbeit in Europa. Sie ist überzeugt davon, den Menschen ein besseres Leben, mehr Freizeit, mehr Zeit für die Kinder und auch Arbeitsplätze geschaffen zu haben. Die Rechte, allen voran Staatspräsident Nicolas Sarkozy, hält sie schlicht für eine "Katastrophe". Sie habe die französische Wirtschaft geschwächt, den Ruf des Landes beschädigt und es für Investoren unattraktiver gemacht.
Das Kuriose daran: Beide haben recht, zumindest teilweise. Richtig an der Kritik ist, dass im Ausland ein Zerrbild über den Arbeitsalltag in Frankreich herrscht. Nicht alle Franzosen arbeiten nur 35 Stunden in der Woche. Etliche Berufsgruppen, leitende Angestellte, Selbständige oder Geschäftsinhaber sind von der Regelung ausgenommen. Es handelt sich zudem lediglich um die Regelarbeitszeit.
Schlecht für den Ruf
Faktisch gilt sie für 60 Prozent der aktiven Bevölkerung. Und sie schließt Überstunden nicht aus. Unter dem Strich arbeiten Franzosen real, jedenfalls wenn man den entsprechenden Statistiken glaubt, länger als etwa die Deutschen. Auch diese französische Besonderheit gilt es also zu beachten: Es gibt Gesetze, an die sich keiner hält.
Richtig ist auch, dass es wenig vorteilhaft für das Außenbild des Landes war, die neue Regelarbeitszeit von oben herab per Gesetz unterschiedslos für alle Großbetriebe zu verordnen. Aber so ist es halt Tradition im post-revolutionären Frankreich. Selbst hartgesottene Sozialisten gestehen inzwischen ein, Dienstplaner in Krankenhäusern vor ein unlösbares Problem gestellt zu haben. Andere Berufsgruppen, Wirtsleute etwa, verweigerten sich einfach.
In der Praxis funktioniert es
So funktioniert in der Praxis, was in der Theorie nie klappen kann. Zum Glück für Frankreich! Denn global betrachtet kam das Gesetz zur Unzeit. Dann nämlich, als sich das Bild von den quasi rund um die Uhr arbeitenden Chinesen weltweit in den Köpfen festsetzte. Und als Länder wie Deutschland die Arbeitszeiten wieder verlängerten. Die französische 35-Stunden-Woche wirkte da wie ein Anachronismus.
Die meisten Franzosen finden sie dennoch gut und wollen sie nicht wieder hergeben, zumindest wenn man den entsprechenden Umfragen glaubt. Dazu passt, was die Schauspielerin Sophie Marceau sagte: "Französisch zu sein, bedeutet, unlogisch und widersprüchlich zu sein. Und gleichzeitig ist man auch stolz darauf." Ja, das gilt auch für die 35-Stunden-Woche. Der Wirtschaft hat sie jedenfalls nicht geschadet. Die Produktivität hat sie sogar erhöht. Und das Wachstum lag im vergangenen Jahrzehnt meist über dem deutschen. In gut einer Generation wird Frankreich Deutschland ohnehin aufgrund der dann höheren Bevölkerungszahl als größte Wirtschaftsnation in der Eurozone abgelöst haben.
Von oben herab
Von einer "Katastrophe" kann also keine Rede sein. Wenn die 35-Stunden-Woche tatsächlich so ein Graus wäre, hätte Sarkozy sie längst abgeschafft. Stattdessen machte er Arbeitnehmern Überstunden schmackhaft, indem er sie von der Steuer befreit. Und zwar wie? Mit einem Gesetz für alle. Von oben herab. Er hätte auch die Unternehmen oder einzelne Branchen die Arbeitszeit aushandeln lassen können. Das wäre das Sinnvollste gewesen. Aber das hätte der tiefverwurzelten etatistischen Staatsauffassung widersprochen.
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(SZ vom 04.02.2010/holz)
Eurovision Song Contest
Es ist unglaublich, zu welchen Verdrehungen Journalisten befähigt sind. :-)
Selbstverständlich wird die Produktivität immer weiter wachsen. Wenn nicht gleichzeitig die Arbeitszeit verkürzt wird, dann muss sich zwangsläufig die Arbeitslosigkeit erhöhen. Höhere Arbeitslosigkeit und geringere Löhne machen einen Sozialstaat unbezahlbar.
Wer diese Logik nicht versteht, dem ist niht zu helfen!
"Und als Länder wie Deutschland die Arbeitszeiten wieder verlängerten."
...und damit Lebensqualität zerstört - die Zunahme psychischer Erkrankungen spricht Bände - und die Arbeitslosigkeit nach oben getrieben haben.
Und China- eine Dikatur, in der Menschen wie Arbeitstiere gehalten werden - als Vorbild zu zitieren, ist ja wohl nur unpassend.
Ob es die Wirtschaft geschwächt hat, soll mal so dahingestellt sein, denn in Frankreich spricht man von ganz anderen Zahlen. Fakt ist, dass viele jetzt gerne Überstunden schieben, weil es 75% Zuschlag und Wochenends sogar 100% gibt. Diese Regelung hat damals knapp 900.000 Jobs geschaffen und kaum ein Konzern hat die 0,8% Mehrausgaben vom "Gewinn" nicht verschmerzen können, im Gegenteil: Die Qualität ist ernorm angestiegen.
Frankreich hat ein Problem mit der Jugendarbeitslosigkeit, die ist sogar etwas höher als bei uns (wobei man wissen muss, dass da jeder reinfällt, der keinen Fulltimejob hat), die hatte man damals aber mit dieser Regelung heftig nach unten schrauben können.
Im Übrigen ist Frankreich nicht das einzige Land, wo die 35 Stunden Woche bestens funktioniert.
Die Franzosen haben hier einen wichtigen Agilitätsvorteil. Bei uns haben bei so gut wie allen Entscheidungen 16 überflüssige, geldvernichtende und vor allem blockierende Fürstentümer ein unverhältnismäßiges Mitspracherecht.
Die Handlungsfähigkeit unserer Regierung ist gerade in Notzeiten gefragt, aber gerade dann auch besonders eingeschränkt.
Die Franzosen haben dieses Problem nicht und können solche Dinge daher leichter einfach ausprobieren und sehen, ob sie damit gut fahren.
Und was die Chinesen angeht, würde es schon reichen, ihnen nicht frei Haus unsere technologischen und wissenschaftlichen Vorsprünge zu verhökern. In mein Unternehmen setzt kein Chinese einen Fuß!
....Sarkozy hat sie doch quasi schon abgeschafft!
http://www.welt.de/wirtschaft/article2248809/Frankreich-schafft-die-35-Stunden-Woche-ab.html
Das Recht darauf darf man deswegen wohl getrost hierhin verschieben:
http://www.sueddeutsche.de/reise/449/456119/bilder/
;o)