35-Stunden-Woche Weniger Arbeit, mehr Erfolg

In schwierigen Zeiten arbeiten alle länger - nur Frankreich hält an der 35-Stunden-Woche fest. Das mag antiquiert erscheinen, aber es funktioniert. Wenn auch mit Einschränkungen.

Ein Kommentar von Michael Kläsgen

Es ist nun zehn Jahre her, dass Frankreich mit einer jener Besonderheiten aufwartete, die im Ausland bis heute kaum einer versteht: die 35-Stunden-Woche. Außerhalb des Landes schaut man längst über diese exception française milde lächelnd hinweg. Frankreich selber diskutiert seit zehn Jahren über kein anderes Wirtschaftsthema leidenschaftlicher als über dieses. Und zwar auch, weil es keine belastbaren Bilanzen gibt, die belegen könnten, was sie gebracht hat, die Arbeitszeitverkürzung. Das wiederum liegt daran, dass kein Thema derart ideologisch aufgeladen ist wie dieses.

In Deutschland haben sie einst dafür demonstriert, in Frankreich gibt es sie: die 35-Stunden-Woche.

(Foto: Foto: AP)

Fast so, wie das Ende der Kinderarbeit

Beim Thema 35-Stunden-Woche prallen Welten oder besser: Weltanschauungen aufeinander. Die Linke, die die Arbeitszeitverkürzung im Februar 2000 für alle Firmen mit mehr als 20 Mitarbeitern verpflichtend machte, sieht darin eine soziale Errungenschaft, fast auf einer Stufe mit dem Ende der Kinderarbeit in Europa. Sie ist überzeugt davon, den Menschen ein besseres Leben, mehr Freizeit, mehr Zeit für die Kinder und auch Arbeitsplätze geschaffen zu haben. Die Rechte, allen voran Staatspräsident Nicolas Sarkozy, hält sie schlicht für eine "Katastrophe". Sie habe die französische Wirtschaft geschwächt, den Ruf des Landes beschädigt und es für Investoren unattraktiver gemacht.

Das Kuriose daran: Beide haben recht, zumindest teilweise. Richtig an der Kritik ist, dass im Ausland ein Zerrbild über den Arbeitsalltag in Frankreich herrscht. Nicht alle Franzosen arbeiten nur 35 Stunden in der Woche. Etliche Berufsgruppen, leitende Angestellte, Selbständige oder Geschäftsinhaber sind von der Regelung ausgenommen. Es handelt sich zudem lediglich um die Regelarbeitszeit.

Schlecht für den Ruf

Faktisch gilt sie für 60 Prozent der aktiven Bevölkerung. Und sie schließt Überstunden nicht aus. Unter dem Strich arbeiten Franzosen real, jedenfalls wenn man den entsprechenden Statistiken glaubt, länger als etwa die Deutschen. Auch diese französische Besonderheit gilt es also zu beachten: Es gibt Gesetze, an die sich keiner hält.

Richtig ist auch, dass es wenig vorteilhaft für das Außenbild des Landes war, die neue Regelarbeitszeit von oben herab per Gesetz unterschiedslos für alle Großbetriebe zu verordnen. Aber so ist es halt Tradition im post-revolutionären Frankreich. Selbst hartgesottene Sozialisten gestehen inzwischen ein, Dienstplaner in Krankenhäusern vor ein unlösbares Problem gestellt zu haben. Andere Berufsgruppen, Wirtsleute etwa, verweigerten sich einfach.

In der Praxis funktioniert es

So funktioniert in der Praxis, was in der Theorie nie klappen kann. Zum Glück für Frankreich! Denn global betrachtet kam das Gesetz zur Unzeit. Dann nämlich, als sich das Bild von den quasi rund um die Uhr arbeitenden Chinesen weltweit in den Köpfen festsetzte. Und als Länder wie Deutschland die Arbeitszeiten wieder verlängerten. Die französische 35-Stunden-Woche wirkte da wie ein Anachronismus.

Die meisten Franzosen finden sie dennoch gut und wollen sie nicht wieder hergeben, zumindest wenn man den entsprechenden Umfragen glaubt. Dazu passt, was die Schauspielerin Sophie Marceau sagte: "Französisch zu sein, bedeutet, unlogisch und widersprüchlich zu sein. Und gleichzeitig ist man auch stolz darauf." Ja, das gilt auch für die 35-Stunden-Woche. Der Wirtschaft hat sie jedenfalls nicht geschadet. Die Produktivität hat sie sogar erhöht. Und das Wachstum lag im vergangenen Jahrzehnt meist über dem deutschen. In gut einer Generation wird Frankreich Deutschland ohnehin aufgrund der dann höheren Bevölkerungszahl als größte Wirtschaftsnation in der Eurozone abgelöst haben.

Von oben herab

Von einer "Katastrophe" kann also keine Rede sein. Wenn die 35-Stunden-Woche tatsächlich so ein Graus wäre, hätte Sarkozy sie längst abgeschafft. Stattdessen machte er Arbeitnehmern Überstunden schmackhaft, indem er sie von der Steuer befreit. Und zwar wie? Mit einem Gesetz für alle. Von oben herab. Er hätte auch die Unternehmen oder einzelne Branchen die Arbeitszeit aushandeln lassen können. Das wäre das Sinnvollste gewesen. Aber das hätte der tiefverwurzelten etatistischen Staatsauffassung widersprochen.