Zum Tod von Carl Djerassi "Ein männlicher Feminist"

Carl Djerassi war Wissenschaftler, Kulturkritiker und Autor. Im Alter von 91 Jahren ist er gestorben.

(Foto: Boris Roessler/dpa)

Die Trennung von Sex und Fortpflanzung war sein Lebensthema, die Mitentdeckung der Pille seine bekannteste Leistung. Carl Djerassi wurde 91 Jahre alt und hatte eigentlich noch viel vorgehabt im Leben.

Ein Nachruf von Karin Steinberger

Seine letzten Mails waren voller Ungeduld, er musste ins Krankenhaus, schrieb von den Schmerzen und den Unannehmlichkeiten, von diesem lästigen Krebs, bei dem die Perspektiven leider dunkel seien. Er hatte für Gebrechlichkeit keine Zeit. "Ich bezweifle, dass ich 2015 überleben werde, aber ich ignoriere das jetzt erst mal, wie Du am Anhang sehen kannst." Vielleicht, schrieb er, klappt ja noch ein Treffen in diesem Leben, nicht erst post mortem. Dein Carl.

Angehängt war sein Terminkalender - Carl Djerassi, 91 Jahre alt, war ausgebucht bis Mai 2015: Seminare in San Francisco, Lesungen in Texas, dann London, Wien, Rostock, New Haven, New York.

Am Ende ist ihm die Zeit ausgegangen. Es gab noch so viele Missverständnisse, so viel Ignoranz. Zuletzt lobte er in einem Gastbeitrag in der SZ die Firmen Apple und Facebook, die Mitarbeiterinnen anboten, kostenlos ihre Eizellen einzufrieren. Carl Djerassi fand schon die deutsche Bezeichnung "Social Freezing" dafür absurd, weil abwertend. Die bisweilen fast hysterischen Reaktionen auf das kostenlose Einfrieren fand er unbegreiflich. Für ihn war es ein Angebot, das Frauen annehmen können, wenn sie wollen. Ein Geschenk der Reproduktionsmedizin, eine Möglichkeit, die das Machtgefälle zwischen den Geschlechtern verringern würde. Es sei eine persönliche Wahl, ob es eine gute oder schlechte ist, wer könnte das bewerten?

Bis zuletzt waren das seine Lebensthemen: Die Trennung von Sex und Fortpflanzung, die Entwicklung der Reproduktionsmedizin, von der Pille über die künstliche Befruchtung bis zum Einfrieren der Eizellen. 91? Na und, im Kopf war er Jahrzehnte jünger. Er hatte immer eine große Lust, die Welt mit den wissenschaftlichen Möglichkeiten zu konfrontieren. In den Siebzigern ließ er sich selbst sterilisieren, in den Neunzigern wollte er zusammen mit einem Spezialisten für Nutzvieh die Haltbarkeit von männlichem Sperma beweisen. Sie fragten bei der Armee an, schließlich seien da genug junge Männer, die bereit wären zu masturbieren. Kein Interesse, eher Entsetzen. Und jetzt wäre dieses Wissen so wichtig.

Er sei ein "männlicher Feminist", sagte Carl Djerassi, da war er 87 Jahre alt. Ein Methusalem, der Zeit immer weit voraus.

Ihm war bewusst, dass ein langes Leben ein Geschenk ist. Und dass Einsamkeit der Preis dafür ist

Aber am Ende ging ihm die Zeit dann aus, wie auch nicht, wenn man mehrere Leben in eines packt. Er war Wissenschaftler, Chemieprofessor an der Stanford-Universität. Mäzen, Kunstsammler, Romancier, Dramatiker. Er sei immer eine ambitionierte Person gewesen, sagte er 2011 in seiner Londoner Wohnung, die Wände voller Originale: Calder, Jensen, Bacon. Das war ein einigermaßen dreistes Understatement.

Er war ambitioniert und - darauf legte er Wert - immer eitel genug, um mit großer Ausdauer von seinen Erfolgen zu erzählen: Von den mehr als 1200 wissenschaftlichen Artikeln, den 33 Ehrendoktortiteln, von der National Medal of Science und der National Medal of Technology, die er wie nur wenige Chemiker beide bekam, von seinen Theaterstücken und Büchern, von seiner Paul-Klee-Sammlung, der weltweit größten privaten. Von der Briefmarke, die ihm die Österreichische Post 2005 widmete. Geboren - vertrieben - versöhnt.

Als wäre es so einfach.

Wenn Djerassi seine Lebensleistungsliste herunterratterte, seine Ehrenkreuze, Ehrenzeichen, Ehrenmedaillen, spürte man seinen Stolz und die Verletzung, dass ihm die wichtigste Anerkennung verwehrt blieb: der Nobelpreis. Aufgehoben und aufgehängt hat er vor allem die Plakate seiner Theaterstücke, den Kritikern zum Trotz, die ihn als Schriftsteller nie ernst nahmen. Er reagierte mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit. Kein Text, in dem er nicht eines seiner "Science-in-fiction"-Stücke zitierte, kein Interview ohne Hinweis auf seine Bücher. Es kamen ja immer neue dazu, er arbeitete wie ein Berserker, schrieb Mails mitten in der Nacht, nannte sich einen "intellektuellen Polygamisten". Selbstzweifel? Nicht sein Ding. Nur manchmal sagte er, das Lebenswerk relativierend: "Ich habe halt früh angefangen und lange gelebt."