Substanzen in Kölner Hochhaus Was ist Rizin?

Ein Polizist der Spezialeinsatzkräfte (SEK) mit Atemschutzmaske in Köln.

(Foto: imago/Eibner)

Der Stoff ist extrem toxisch - und fast ideal für den perfekten Mord. Aber eben nur fast.

Von Felix Hütten

Tödliche Gifte gibt es viele, Rizin aber, und das macht es besonders gefährlich, ist so unbekannt, dass, kommt es zu einem Anschlag, erst mal niemand daran denkt. Am Mittwoch nimmt die Polizei in Köln einen Mann fest, der mit dem Stoff in seiner Wohnung gepanscht haben soll. Ein Mörder, der besonders geheimnisvoll töten wollte?

Leider muss man sagen, dass Rizin einen Menschen qualvoll verenden lässt. Aber eigentlich ist die Geschichte des hochgiftigen Stoffes eine schöne. Die Pflanze, aus dessen Samen das Gift stammt, wird weltweit zur Gewinnung von Rizinusöl angebaut, das angeblich die Haut glättet und die Haare festigt - kann man glauben, muss man nicht.

Jedenfalls trägt die Giftpflanze des Jahres 2018, Ricinus communis, in Deutschland zwei ganz unverdächtige Namen, nämlich Wunderbaum oder Palma Christi. Die im Deutschen als "Castorbohnen" bekannten Samen dieses christlichen Wunderbaums glänzen wie Schokobonbons aus Marmor, da denkt noch niemand an den Tod.

In Deutschland ist Rizin eigentlich tabu

Doch leider steckt grausame Qual in diesen Früchten, wenn sie sich öffnen und ihr Gift entlassen. Wer es genau wissen will: Rizin ist ein Ribosomen-inaktivierendes Glykoprotein, das durch Endozytose in die Zelle aufgenommen wird und dort die Proteinbiosynthese hemmt. Einfacher formuliert: Wenn Rizin in ausreichender Dosis, die an dieser Stelle unerwähnt bleiben darf, den Körper erreicht, sterben Zellen - und damit der Mensch.

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Und deshalb ist Rizin in Deutschland eigentlich tabu und, wenn überhaupt, in Medizinlaboren zu finden, in einer Privatwohnung jedenfalls hat es sicher nichts zu suchen. Der Auftritt der Spezialeinheiten in Schutzanzügen und Atemmasken am Mittwoch in Köln mag martialisch ausgesehen haben, unsinnig war er nicht. Für einen Anschlag kommt wohl am ehesten eine sogenannte inhalative Intoxikation in Frage, also große Mengen in der Atemluft. Tod im Kino, im Zug, im Einkaufszentrum, so was in der Richtung. Deshalb auch die Atemschutzmasken der Beamten.

Rizin kann aber auch geschluckt werden, was vor allem Kindern passiert, die die Samen mit Nüssen verwechseln. Auch eine Vergiftung über die Blutbahn ist denkbar, das wäre dann die Variante Geheimagent, der den unliebsamen Informanten auf der Parkbank eine Spritze ins Fleisch rammt.

Das tückische an dem Gift, egal auf welchem Wege es den Körper eines Menschen erreicht, ist seine Seltenheit. Denn die Symptome der Opfer sind so uneindeutig, das wohl zunächst niemand an Rizin denken würde: Fieber, Übelkeit, Kopfschmerzen, Muskelkrämpfe, Atemnot, Lungenödem. Kann alles sein. Hinzu kommt, dass die beschriebenen Symptome nicht sofort auftreten, sondern um Stunden, manchmal Tage verzögert. Das macht es noch schwieriger, an die Ursache heranzukommen.

Eine spezifische Therapie gibt es übrigens nicht, die allermeisten Intensivmediziner in Deutschland haben wohl auch keine Erfahrung mit solchen Patienten. Denn Rizinvergiftungen kommen hierzulande - zum Glück - sehr selten vor. Bleibt nur eine Behandlung der Symptome, bei Lungenversagen also beispielsweise eine künstliche Beatmung - in der Hoffnung, dass der Körper derweil das Gift von selbst abbaut.

Klingt alles nach dem Stoff für einen perfekten Mord, und spätestens seit Breaking Bad hat sich dieser Gedanke wohl auch bei so manchem Hobbyterroristen verfestigt. Stimmt aber nicht. Man kann das Gift sehr wohl im Körper nachweisen, zum Beispiel im Stuhl oder auch in Erbrochenem. Dafür braucht es Speziallabore, und, wieder einmal, den richtigen Riecher. Denn wer nicht an Rizin denkt, geht dem Verdacht auch nicht nach. Genau das aber könnte sich nach dem Fund in Köln nun ändern.

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