Überflüssige Behandlungen in Deutschland Doch nicht OP-Weltmeister

(Foto: SZ-Grafik)

Die Deutschen werden so viel operiert wie kaum ein anderes Volk - hieß es bislang. Eine neue Studie behauptet nun allerdings, dass das nicht stimmt. Was steckt hinter den Ergebnissen?

Von Guido Bohsem, Berlin

Die Deutschen gelten als die am meisten operierten Menschen der Welt. Nach den Daten der Organisation für Ökonomische Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) steht die Bundesrepublik bei vielen Eingriffen mit an der Spitze der Ranglisten. Besonders bei planbaren Operationen wie dem Einsetzen von künstlichen Hüft- oder Kniegelenken hegen die Krankenkassen den Verdacht, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht - angesichts der rekordverdächtigen Zahlen. Sie vermuten, dass viele Eingriffe medizinisch nicht notwendig sind, was die Kliniken heftig bestreiten. Um die Zahl zu senken, will die große Koalition nun das Recht der Patienten auf eine zweite Meinung stärken.

Mit einer neuen Studie des Wissenschaftlichen Instituts der privaten Krankenversicherer (WIP) könnte sich dieses Bild vom OP-Weltmeister relativieren. Demnach ist die Anzahl der Operationen gar nicht so außergewöhnlich hoch wie bislang angenommen. So stehe Deutschland bei den Hüftoperationen nicht an Nummer zwei in der Welt, sondert befinde sich auf dem fünften Platz. Bei der Operation von Gallenblasen landet Deutschland laut OECD auf Platz sechs, nach Berechnungen des WIP aber nur auf Platz zwölf. Sieht die OECD Deutschland bei Bypass-Herzoperationen auf Rang Nummer drei, hält das WIP Platz zehn für angemessen.

Was steckt hinter dieser Verschiebung? Grob gesagt bezweifeln die Wissenschaftler der privaten Kassen, dass man die Zahl der Operationen in den unterschiedlichen Ländern so vergleichen kann wie es die OECD in ihren Untersuchungen 2013 getan hat. Die Organisation habe eine wichtige Komponente außer Acht gelassen: Die Deutschen sind im Schnitt älter als die Einwohner vieler anderer Länder und ältere Menschen bräuchten nun mal mehr künstliche Hüft- oder Kniegelenke als jüngere.

So liege das Alter der Deutschen im Mittel bei 44,3 Jahren und werde innerhalb der Gruppe der 34 OECD-Länder nur noch vom Alter der Japaner übertroffen (44,6 Jahre). Die Franzosen befinden mit 39,7 Jahren etwa im Mittelfeld der OECD-Länder, während in Mexiko mit 26,7 Jahren im Median die jüngste Bevölkerung lebt.

In seinen Berechnungen hat das WIP nun also den Altersdurchschnitt der OECD-Länder auf das deutsche Niveau gehoben und dabei angenommen, dass auch die Anzahl der Operationen entsprechend steigt. Bei den Hüftoperationen läge Deutschland damit nicht mehr nur hinter der Schweiz, sondern auch noch hinter Norwegen, Luxemburg und Österreich. Und auch bei den Knieoperationen würde somit in Australien und auch in Belgien verhältnismäßig öfter zum Skalpell gegriffen als in der Bundesrepublik - obwohl beide Länder in der offiziellen OECD-Statistik hinter Deutschland liegen.

"Deutschland als Operations-Weltmeister zu bezeichnen, ist daher in keiner Weise gerechtfertigt", heißt es in der Studie. Die Bundesrepublik rutsche bei einer der Demografie angepassten Berechnung in allen Eingriffen, die ihren Schwerpunkt im Alter haben, im Länderranking nach hinten. Bei Eingriffen, die vorwiegend in der Jugend vorgenommen würden, sei es umgekehrt. Da liege Deutschland bei einem altersangepassten Vergleich deutlich höher als es die OECD-Daten nahelegten.

Und auch was die Ausgaben für Gesundheit angeht, ergebe eine altersadjustierte Anpassung Sinn. Deutschland liegt nach den Berechnungen des WIP nicht mehr auf dem sechsten Platz, sondern falle auf den neunten zurück.

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