Trotz Transplantations-Skandal Werbung für Organspende

Die erste Krankenkasse startet mit den gesetzlich vorgeschriebenen Aufklärungsaktionen über die Organspende - ausgerechnet jetzt, wo der Transplantations-Skandal die Bevölkerung verunsichert hat. Aber gerade deshalb ist die Aktion dringend notwendig, heißt es bei der Kasse.

Von Guido Bohsem

Für echte Organe gibt es kein Ersatzteillager. Und die Zahl der Spender sinkt.

(Foto: dpa)

Berlin- Der Transplantations-Skandal von Göttingen und Regensburg hat eine spürbare Verunsicherung in der Bevölkerung hinterlassen. Und das zu einer Zeit, in der die Krankenkassen mit ihren gesetzlich vorgeschriebenen Aufklärungsaktionen über die Organspenden beginnen wollen. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Barmer/GEK ist die Bereitschaft leicht gesunken, nach dem Tod ein Organ zu spenden.

Im Dezember des vergangenen Jahres hatten noch 66 Prozent erklärt, sie würden wahrscheinlich oder sogar bestimmt ihre Einwilligung geben. Im Oktober 2012 waren es noch 63 Prozent. Die Diskussion über die Vorfälle in Göttingen und Regensburg hat offenbar vor allem die Skeptiker der Organspende in ihrer Haltung bestärkt. Erklärten vor einem Jahr noch 29 Prozent der Befragten, sie würden wahrscheinlich nicht oder ganz bestimmt nicht für eine Organspende nach dem Tod zur Verfügung stehen, sind es in diesem Jahr immerhin 34 Prozent.

Die Techniker - nach der Barmer größte Krankenkasse in Deutschland - will bewusst auf diese Verunsicherung reagieren und als erste Krankenkasse ihre 6,9 Millionen Versicherten anschreiben. "Wir glauben, dass es gerade jetzt richtig ist, gute und verständliche Informationen zum Thema anzubieten", sagte TK-Vorstandschef Jens Baas in Berlin. "Man muss sich melden, wenn Not am Mann ist."

Die Kasse hat dazu eine Sonderausgabe ihres Kundenmagazins dem Thema Organspende gewidmet. Der Versand soll Ende Oktober in Hamburg und Berlin beginnen. Insgesamt sind vier Tranchen vorgesehen.

Um die Spendenbereitschaft zu erhöhen, hat der Bundestag die sogenannte Entscheidungslösung beschlossen. Zentraler Teil der Regelung ist, dass jede Krankenkasse ihre Versicherten regelmäßig anschreibt, um sie über das Thema Organspende zu informieren. Ein Zwang zur Entscheidung ist damit nicht verbunden. Das Gesetz tritt am kommenden Donnerstag in Kraft. Bis Ende Oktober 2013 müssen die Kassen ihre Versicherten einmal angeschrieben haben.

Baas, der vor seiner Zeit bei der TK als Transplantations-Arzt gearbeitet hat, erhofft sich durch die Informationen eine höhere Zahl von potenziellen Organspendern. Er warnte aber gleichzeitig vor allzu großen Erwartungen. "Es wird keine Explosion der Zahl der Organspender geben." Die Information durch die Krankenkassen sei ein Baustein in dem Versuch, die Bereitschaft zur Organspende zu steigern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Derzeit besitzt nur jeder fünfte Deutsche einen Ausweis, in dem er vermerkt hat, ob er beispielsweise nach einem schweren Unfall als Organspender zur Verfügung steht oder nicht. Insgesamt warten etwa 12.000 Menschen auf ein Organ.

Zentrale Bedeutung habe nach wie vor der Umgang mit dem Thema in den Krankenhäusern. Ob und wie der zuständige Arzt das Thema anspreche, sei ganz zentral. Das zeige sich daran, dass es in vergleichbaren Kliniken zu einer sehr unterschiedlichen Zahl von Meldungen komme.

"Ich glaube ohnehin, dass der Organspende-Ausweis wichtiger für die Angehörigen als für den Betroffenen ist", sagte Baas. Ein Gespräch über das Thema sei erheblich leichter, wenn ein Spenderausweis vorliege.

SZ-Redakteurin Christina Berndt erklärt Wie es zum Organspende-Skandal kam

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete als erste über den Organspende-Skandal. Wie es dazu kam - und weshalb Menschen, die für die Organspende sind, trotz der Machenschaften einiger Transplantationsmediziner den Organspendeausweis ausfüllen sollten.

(Video: Süddeutsche.de, Foto: dpa)