SZ-Europa-Atlas Wo Gesundheit zu teuer ist

In vielen Regionen Europas geht es den Menschen doppelt schlecht: wirtschaftlich und gesundheitlich. Bei Lebenserwartung und der Häufigkeit schwerer Krankheiten verläuft eine klare Grenze zwischen Ost und West. Wenn es um Leben und Tod geht, erinnert die Europakarte an die Zeiten des Kalten Krieges.

Von Markus C. Schulte von Drach

Kaum jemand in Deutschland hat wohl schon von Severozapaden gehört. Dabei sind die Verhältnisse in dieser Region im Nordwesten Bulgariens ein besonders drastisches Beispiel für die Zustände, unter denen viele Menschen in der Europäischen Union leiden müssen.

Firmenschließungen, schrumpfende Märkte, drastische Einschnitte bei Investitionen in Produktionsstätten, hohe Arbeitslosigkeit - die Region hat in den vergangenen Jahren ganz besonders stark unter den Folgen der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gelitten, berichtet die Europäische Kommission.

Dabei geht es den Menschen dort schon lange wirtschaftlich richtig schlecht. Gemessen am Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf ist die Region der Europäischen Kommission zufolge die ärmste in der EU: 2008 lag das BIP gerade mal bei 28 Prozent des EU-Durchschnitts, 2009 war es weiter auf 27 Prozent gesunken, neuere Daten hat die Kommission noch nicht veröffentlicht.

Doch das Gebiet mit seinen etwa 850.000 Einwohnern hält noch einen anderen Negativrekord: Etwa sieben von 1000 Bürgern sterben jedes Jahr an den Folgen einer Kreislauferkrankung, sagt das Eurostat Jahrbuch der Regionen 2012. Das ist die höchste Rate in der gesamten Europäischen Union. Der Durchschnitt liegt bei nur etwa zwei Patienten pro 1000 Personen, die dieser häufigsten Todesursache in Europa jährlich zum Opfer fallen.

Doch um ein rein regionales Problem handelt es sich nicht. Unter den zwölf Regionen mit den höchsten Raten von Todesfällen infolge von Kreislauferkrankungen in der EU liegen fünf weitere ebenfalls in Bulgarien - drei davon auf den ersten Listenplätzen. Sechs liegen in Rumänien. Und zehn dieser Regionen gehören zu den Gebieten mit dem bei weitem niedrigsten BIP innerhalb der EU.

Weitere besonders wirtschaftsschwache Regionen, in denen die Mortalität überdurchschnittlich hoch ist, gehören zu Polen und Ungarn. Und stellt man die Länder, in denen drei oder weniger Menschen pro 1000 an Kreislaufkrankheiten sterben, jenen gegenüber, in denen es mehr sind, so ergibt sich ein deutliches Bild: Auf einer Landkarte Europas lässt sich da plötzlich wieder der Eiserne Vorhang nachzeichnen.

Mangelhafte Patientenversorgung

Scheitert Europas Einheit also beim Thema Gesundheit? Die Daten zur Gesundheit und zur wirtschaftlichen Lage in Europa, die jedes Jahr von der EU veröffentlicht werden, machen jedenfalls wenig Hoffnung, dass es den Ost- und Ostmitteleuropäern in absehbarer Zeit ähnlich gut gehen wird wie den EU-Bürgern insgesamt: Für die gesamte EU sinkt die Zahl der krankheitsbedingten Todesfälle nämlich stetig und die Lebenserwartung ist seit 1980 um mehr als sechs Jahre auf 79 Jahre gestiegen. In den ehemaligen Ostblockstaaten aber liegt die Lebenserwartung mehrere Jahre unter dem EU-Durchschnitt. Eine Ausnahme ist nur Slowenien.

Doch woran liegt das? An der jeweiligen Art des Gesundheitssystems lässt sich kein Zusammenhang zwischen der Häufigkeit von krankheitsbedingten Todesfällen und den Regionen festmachen. Sowohl im Osten als auch im Westen gibt es Finanzierungen über Sozialabgaben (Bismarck-System) oder über Steuermittel (Beveridge-System) oder Systeme, die Elemente aus beiden Systemen nutzen.

Der Verdacht fällt deshalb schnell auf den Zustand der Gesundheitssysteme. Und betrachtet man die Verhältnisse exemplarisch in Bulgarien und Rumänien, dann scheint er sich zu bestätigen: In Bulgarien etwa wurden in den vergangenen Jahren die Gesundheitsausgaben ständig gekürzt. Das Geld reicht nicht mehr aus, um sowohl die Angestellten im Gesundheitssystem zu bezahlen und zugleich die Patienten ausreichend zu versorgen. Zu wenig Personal - auch weil Experten abwandern -, mangelnde medizinische Ausrüstung, Korruption und Schulden sind riesige Probleme in Krankenhäusern. Ähnlich ist die Situation in Rumänien, wo es ebenfalls an Ärzten und Pflegepersonal mangelt, weil die Fachkräfte nach Westeuropa ausgewandert sind.

Ursache für die Situation sind nicht allein Probleme, die die Länder aus den Zeiten des Kalten Krieges geerbt haben. Kritiker halten die Missstände vor allem auch für eine Folge der Privatisierungsmaßnahmen im Gesundheitssystem seit Ende der neunziger Jahre. Durch diese wurden viele Kosten vom Staat auf die Patienten selbst umgelegt.

Dazu kommt, dass Länder wie Rumänien und Bulgarien aufgrund der Finanzkrise große Notkredite von Weltbank und Internationalem Währungsfonds IWF erhalten haben - unter der Bedingung, strikt zu sparen. Daraufhin wurden die Gehälter im öffentlichen Dienst, Renten und Sozialleistungen erheblich gekürzt. Der WHO zufolge müssen die Patienten inzwischen etwa die Hälfte aller Leistungen selbst bezahlen.

Dabei steigen die Kassenbeiträge ständig, während die Armut wächst. Der durchschnittliche Monatsverdient liegt in Bulgarien bei etwa 300 Euro. Und während viele Länder der EU pro Kopf und Jahr mehr als 3000 Euro für das Gesundheitswessen ausgeben - in den meisten Ländern sind es insgesamt zwischen sieben und neun Prozent des BIP -, kommen Bulgarien und Rumänien auf etwa 700 Euro und etwa vier Prozent des BIP.

Auch Faktoren, die nicht direkt mit den Zuständen im Gesundheitsystem zusammenhängen, spielen offenbar in den östlichen Ländern eine besondere Rolle. So ist die Lebenserwartung in der Europäischen Union vor allem aufgrund verbesserter Lebens- und auch Arbeitsbedingungen sowie eines größeren Gesundheitsbewusstseins gestiegen.

Hier jedoch liegt im Osten offenbar ebenfalls noch viel mehr im Argen als im Westen: Wie zum Beispiel Assen Gudew von der Gesellschaft der Kardiologen in Bulgaren erklärte, ließe sich ein großer Teil der Herzinfarkte in seiner Heimat vermeiden, "da sie ausschließlich durch die falsche Lebensweise hervorgerufen werden: Tabakrauchen, fettes und salzreiches Essen und wenig Bewegung". Wie er im vergangenen Jahr im Radio Bulgarien sagte, seien von den sieben Millionen Bulgaren zwei Millionen Hypertoniker - also Menschen mit hohem Blutdruck. Und nur die Hälfte von diesen behandele ihre Krankheit.

Arbeitslosigkeit macht krank

Doch wer arbeitslos und arm ist, hat vermutlich häufig andere Prioritäten, als sich um die Gesundheit zu kümmern. Außerdem kann er sich die medizinische Versorgung kaum leisten und die Bestechungsgelder nicht bezahlen. Und schlimmer noch: Arbeitslosigkeit selbst kann krank machen: Mediziner warnen vor Folgen wie Resignation, Rückzug, vermindertes Selbstwertgefühl, Familien- und Partnerschaftskonflikte, soziale Isolation, Schlafstörungen, depressive Störungen, Angsterkrankungen, erhöhter Alkohol- und Nikotinkonsum als inadäquate Bewältigungsstrategie und suizidale Handlungen.

Es ist demnach keine Überraschung, dass die Menschen in Severozapaden und anderen Regionen im Osten gleich doppelt leiden müssen: Kaum hatten sie den "real existierenden Sozialismus" überwunden und begonnen, die maroden Gesundheitssysteme zu renovieren, wurden sie durch die Privatisierungsmaßnahmen eines überstürzt eingeführten Kapitalismus und die Finanzkrise in den Teufelskreis von Armut und Krankheit gestürzt. Und wie ein Blick auf die Landkarte zeigt, gilt dies offenbar mehr oder weniger stark für alle Länder jenseits des Eisernen Vorhangs - auch wenn es diesen schon lange nicht mehr gibt.