Streitfall Kaiserschnitt Wenn das Kind per Skalpell zur Welt kommt

Sie geistert durch die Köpfe vieler jungen Familien: die Idee von der romantischen, innigen Geburt. Tatsächlich werden immer mehr Babys per Kaiserschnitt geboren. Was das für die Mütter und Babys bedeutet.

Von Berit Uhlmann

Die Entbindungsstation ist schon lange ausgesucht, das Paar hat sich mit dem dem Kreißsaal vertraut gemacht, das Atmen im Wehenrhythmus ist eingeübt: die Geburt kann losgehen. Und dann kommt alles ganz anders, als es sich die Mutter wochenlang ausgemalt hat: Das Baby erblickt das Licht der Welt in Form greller OP-Beleuchtung. Die Mutter ist zu Passivität verurteilt. Die Hälfte ihres Körpers spürt sie nicht. Für viele Mütter ist dies keine angenehme Vorstellung - und dennoch Realität. Jedes dritte Kind in Deutschland wird mittlerweile per Kaiserschnitt entbunden und nicht nur die Betroffenen fragen sich, ob dies überhaupt nötig oder vielleicht sogar schädlich ist. Nur: Diese Fragen sind nicht pauschal zu beantworten.

Jedes dritte Baby kommt heute per Kaiserschnitt auf die Welt.

(Foto: dpa)

Prinzipiell gilt: "Für Mütter ist das Risiko, per Kaiserschnitt zu entbinden, heute nicht größer als das einer natürlichen Geburt", sagt Klaus Friese, Direktor der Frauenklinik an der LMU und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. In den meisten Fällen ist dabei keine Vollnarkose nötig, vielmehr werden Nerven im Wirbelkanal durch die so genannte Periduralanästhesie oder Spinalanästhesie betäubt. Die Mutter bleibt also wach, spürt aber von der Taille abwärts nichts mehr.

Risiken gibt es eher für folgende Schwangerschaften. Die Plazenta kann mit der alten Schnittnarbe verwachsen und/oder den Geburtskanal verdecken. Blutungen und Geburtskomplikationen können die Folge sein. "Spätere Störungen im Bereich der Plazenta sind das Damoklesschwert der Schnittentbindung", erläutert Klaus Vetter, Chefarzt der Klinik für Geburtsmedizin am Vivantes Klinikum Neukölln und Mitautor mehrerer Leitlinien zur Geburtshilfe. Mütter, die sich weitere Kinder wünschen, sollten sich dessen bewusst sein.

Ein gewisses Risiko bedeutet der Kaiserschnitt auch für das Baby. An erster Stelle stehen dabei Lungenprobleme: Während bei vaginal entbundenen Kindern auf dem Weg durch den engen Geburtskanal Flüssigkeitsreste aus der Lunge herausgepresst werden, können sie bei Kaiserschnittgeburten im Organ verbleiben und Atemprobleme verursachen. "Man reduziert die Gefahr, wenn das Kind so spät wie möglich geholt wird, am besten erst Anfang der 40. Woche", sagt Friese.

Beobachtungen zeigen zugleich, dass Kaiserschnitt-Kinder später etwas häufiger an Infektionen, Allergien, Asthma oder Übergewicht leiden. Die genauen Entstehungsmechanismen sind nicht bekannt, auch ist ein Kaiserschnitt nur einer von vielen Faktoren, die diese Krankheiten begünstigen. Als entscheidendes Kriterium für oder gegen einen Kaiserschnitt taugen diese statistischen Risiken daher schwerlich.