Scheinmedikamente Hauptsache Tabletten

Placebos wirken, auch wenn die Patienten wissen, dass sie Pillen ohne Wirkstoff schlucken. Schon ein medizinisches Ritual könnte demnach einen Nutzen haben.

Von Katrin Blawat

Placebos wirken sogar dann, wenn die Patienten wissen, dass sie Scheinmedikamente ohne jeden Wirkstoff schlucken.

Scheinmedikamente helfen offenbar sogar dann, wenn die Patienten wissen, dass es sich um Placebos handelt. Zumindest wenn man sich um die Betroffenen intensiv kümmert und ihnen erklärt, (1) dass der Placeboeffekt stark ist, (2) der Körper automatisch auf solche Scheinmedikamente reagieren kann, (3) dass eine positive Haltung gegenüber Placebos nicht notwendig ist und (4) die Pillen gewissenhaft genommen werden müssen. Diese Erkenntnisse werfen auch ein interessantes Licht auf die Homöopathie. (mcs)

(Foto: ddp)

Dies folgern Mediziner um Ted Kaptchuk von der Harvard University aus einer Studie an 80 Probanden, die alle am Reizdarm-Syndrom litten (PLoS One, online).

Einer Gruppe Patienten trug das Team um Kaptchuk auf, zwei Mal täglich eine Kapsel zu schlucken. Die Ärzte sagten ihren Probanden mehrfach, dass es sich dabei um ein Scheinmedikament ohne aktive Inhaltsstoffe handelte und dass die Patienten nicht einmal an den Placebo-Effekt glauben müssten. Zudem stand deutlich das Wort "Placebo" auf der Flasche mit den Kapseln.

Der Kontrollgruppe widmeten die Forscher ebenso viel Zeit für Gespräche, während der sie den Probanden unter anderem erklärten, wie wichtig Kontroll-Patienten für die medizinische Forschung sind.

Drei Wochen nach Beginn der Studie berichteten 59 Prozent der Placebo-Probanden über eine deutliche Besserung der Symptome - und zwar in einem Ausmaß, wie es nach der Gabe der effektivsten Medikamente gegen das Reizdarm-Syndrom zu erwarten gewesen wäre.

In der Kontrollgruppe fühlten sich 35 Prozent der Probanden besser. Auch dieses Ergebnis beruht zum Teil wohl auf einem Placebo-Effekt, hervorgerufen durch die intensive Zuwendung der Ärzte während der dreiwöchigen Studie. Wie entscheidend dieser Faktor das Empfinden verbessern kann, hat Kaptchuk bereits in früheren Studien an Reizdarm-Patienten gezeigt.

Ihre neuen Ergebnisse überraschen sogar die erfahrenen Placebo-Forscher. "Ich hatte nicht gedacht, dass es funktionieren würde", sagt Senior-Autor Anthony Lembo, ebenfalls aus Harvard, der sich zunächst unbehaglich dabei fühlte, Patienten zur Einnahme eines Placebos aufzufordern.

"Die Ergebnisse legen nahe, dass der Placebo-Effekt mehr ist als positives Denken", sagt Kaptchuk. "Schon das bloße Durchführen eines medizinischen Rituals könnte einen merklichen Nutzen haben."

Allerdings müssten ihre Ergebnisse noch in größeren Studien und für andere Krankheiten bestätigt werden.