Rücken-OPs Operieren - und ordentlich kassieren?

Daten zeigen regionale Auffälligkeiten bei Operationen in Deutschland.

(Foto: dpa)
  • Eine umfassende Datenauswertung zeigt: Wer in Deutschland operiert wird und wer nicht, hängt auch vom Wohnort ab.
  • In manchen Regionen in Hessen und Bayern wohnen überdurchschnittlich viele Patienten, die am Rücken operiert wurden.
  • Gesundheitsexperten sehen diese regionalen Auffälligkeiten als Indiz für falsche Anreize im deutschen Gesundheitssystem.
Von Christian Endt und Felix Hütten

Karin V. leidet an Rückenschmerzen, ein Allerweltsproblem, wie es unzählige Menschen jeden Tag in Deutschland plagt. Siebenmal haben Ärzte ihren Rücken operiert, doch es wird nicht besser. Im Gegenteil: Heute ist sie zu 60 Prozent schwerbehindert, sie verbringt viele Stunden täglich im Bett.

Ein Gutachter hat ihren Fall untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass die vielen Operationen nicht zwingend notwendig waren. Die Eingriffe haben mehr geschadet als genutzt. Sie haben das Leid der Patientin nicht gelindert, sondern verschlimmert.

Den Fall von Karin V. zeigt der Film "Operieren und kassieren", der an diesem Montag um 22.45 Uhr in der ARD zu sehen ist. Es geht darin um regionale Auffälligkeiten von Operationen in Deutschland. Ein Team von Journalisten hat gemeinsam mit Computerexperten des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien im Auftrag des WDR Daten von 130 Millionen Krankenhausaufenthalten analysiert und auf regionale Auffälligkeiten untersucht.

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Die Auswertung, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt, zeigt: Wer in Deutschland operiert wird und wer nicht, hängt auch vom Wohnort ab. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch der "Faktencheck Rücken" der Bertelsmann-Stiftung, für den in einer parallelen Auswertung Auffälligkeiten in Klinikdaten aufgespürt wurden.

In Bayern hat sich die Zahl der Patienten mit Rückenschmerzen seit 2007 mehr als verdoppelt

So erhalten zum Beispiel erstaunlich viele Patienten, die in Osthessen leben, eine Spondylodese, also eine Versteifung von zwei oder mehr Wirbelkörpern. Diese Operation gehört generell zu den häufigsten Eingriffen in Deutschland. Doch in Osthessen wird es bemerkenswert: Drei der fünf Landkreise mit der größten Zahl an Spondylodese-Patienten liegen in dieser Region. Zwei weitere Schwerpunkte liegen in Oberfranken: im Landkreis Kulmbach sowie in der kreisfreien Stadt Hof in Bayern.

Die Auswertung der Daten zeigt: Die Wirbelsäule von Patienten aus dem Landkreis Fulda wurde im Jahr 2015 etwa 2,7-mal so häufig versteift wie im bundesweiten Mittelwert: Während in Deutschland durchschnittlich 89 solcher Operationen auf 100 000 Einwohner kommen, sind es in Fulda 239. Im benachbarten Landkreis Hersfeld-Rotenburg sind es 227, im Vogelsbergkreis 197. Seit 2009 haben diese Eingriffe an der Wirbelsäule deutschlandweit um 19 Prozent zugenommen. In Fulda hat sich die Zahl im gleichen Zeitraum sogar mehr als verdoppelt.

Auch weitere Eingriffe an der Wirbelsäule, etwa Bandscheiben-Operationen, gibt es in Osthessen weit häufiger als im Bundesdurchschnitt. Dies kann nicht damit erklärt werden, dass Patienten aus anderen Regionen nach Osthessen reisen, um sich dort von Spezialisten behandeln zu lassen, denn in der Statistik erfolgt die Zuordnung nach dem Wohnort des Patienten, nicht nach dem Standort der Klinik. Auch lässt sich die Abweichung nicht damit erklären, dass dort womöglich ältere Menschen leben als anderswo - die Statistiker haben solche demografischen Effekte bereits herausgerechnet.

Die Analyse des "Faktenchecks Rücken" zeigt außerdem, dass Patienten mit der generellen Diagnose "Rückenschmerzen" besonders häufig im Krankenhaus landen, insbesondere in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Rheinland-Pfalz. In Bayern ist die Zahl der Patienten seit 2007 drastisch gestiegen. Dort wurden 2015 mehr als doppelt so viele Patienten mit der Diagnose Rückenschmerzen in einer Klinik aufgenommen wie noch acht Jahre zuvor.