Psychische Störung Medikamente können kriminelles Verhalten bei ADHS-Patienten mindern

Es ist eine unbequeme Erkenntnis, dass ADHS-Patienten häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Jetzt zeigen Forscher, dass sich die Rate der Verstöße deutlich reduziert, wenn die Erkrankten Mittel wie Ritalin einnehmen. Trotzdem wollen sie das Ergebnis nicht als Argument für den massenweisen Einsatz dieser Mittel verstanden wissen.

Die Diagnose, die in westlichen Gesellschaften etwa fünf Prozent der Kinder und anteilig halb so viele Erwachsene erhalten, ist umstritten und heikel: die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung - kurz ADHS. Sie wird jenen gestellt, die als überaktiv und impulsiv auffallen und sich nur schwer konzentrieren können. Ärzte warnen immer wieder, dass Menschen mit etwas abweichendem Verhalten durch die Diagnose vorschnell als krank abgestempelt werden könnten. Diskutiert wird auch der Umgang mit den Betroffenen: Sollen Kinder und Jugendliche regelmäßig Medikamente wie Ritalin (Methylphenidat) einnehmen, trotz der Gefahr von Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Abhängigkeit oder sogar Herzschäden?

In diese Diskussion schalten sich jetzt Forscher aus einem anderen Blickwinkel ein: Jugendliche und Erwachsene, die regelmäßig ADHS-Medikamente einnehmen, haben offenbar ein deutlich reduziertes Risiko, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, schreiben die Wissenschaftler aus Stockholm und Oxford im renommierten New England Journal of Medicine.

Die Wissenschaftler sammelten Daten von mehr als 25.000 schwedischen Patienten, die die Diagnose ADHS erhalten hatten, und verglichen deren Medikamenten-Verschreibungen und Gesetzesverstöße über einen Zeitraum von drei Jahren. Das Ergebnis: Die Kriminalitätsrate sank deutlich in jenen Phasen, in denen die Erkrankten die Medikamente nahmen: um 32 Prozent bei Männern und 41 Prozent bei Frauen.

Die Forscher gehen davon aus, dass die geringere Kriminalitätsrate auf die Medikamente selbst zurückzuführen ist und nicht auf die psychologische Unterstützung, die Erkrankte möglicherweise erhalten, wenn sie für ihr Rezept regelmäßig einen Arzt aufsuchen. Denn die Epidemiologen und Psychiater analysierten auch die Daten von Patienten, die keine ADHS-Arznei, sondern Antidepressiva erhielten: Bei ihnen zeigte sich kein Zusammenhang zwischen Pilleneinnahme und Kriminalität.

Die ADHS-Medikamente könnten Betroffenen helfen, impulsives Verhalten zu kontrollieren und ihr Leben sowohl beruflich als auch privat besser im Griff zu haben, sagte Seena Fazel, eine der Studienautoren, der britischen BBC.

Dennoch wollen die Wissenschaftler ihre Arbeit nicht als Argument für den massenweisen Einsatz von Ritalin und anderen Mitteln verstanden wissen. Nach wie vor müssten Risiken und Nutzen individuell abgewogen und die gesamte Lebenssituation beachtet werden, betonen sie.

Fazel bemühte sich zugleich den Eindruck zu zerstreuen, dass die Forscher vorrangig den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Medikamente im Blick hätten. Am wichtigsten seien die Erkenntnisse für das Wohl des Patienten: "Ihnen geht es besser, wenn sie nicht in Schwierigkeiten geraten." Auch solche Aspekte gehörten zur Gesundheit.

Dass Patienten mit ADHS häufiger kriminell auffällig werden, wurde schon in anderen Studien gezeigt. In der aktuellen Untersuchung wurden zirka 28.000 Vergehen von ADHS-Patienten dokumentiert. Am häufigsten waren kleinere Verstöße und Drogendelikte. Verübt wurden die Gesetzesverstöße von 37 Prozent der männlichen und 15 Prozent der weiblichen Patienten.