Organspende-Skandal Göttinger Arzt sitzt in Untersuchungshaft

Manipulationen bei der Organspende werden Medizinern in Göttingen, Regensburg, München und Leipzig vorgeworfen.

(Foto: dpa)

Ein ehemaliger Transplantationsmediziner der Universität Göttingen ist verhaftet worden. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Chirurgen des versuchten Totschlags in neun Fällen. Er soll Krankenakten manipuliert haben, um seine Patienten bevorzugt mit Spenderorganen zu versorgen - zu Lasten anderer, kränkerer Patienten.

Von Christina Berndt

Gegen den ehemaligen Leiter der Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Göttingen ist Haftbefehl erlassen worden. Der Beschuldigte sei am Freitagmorgen zu Hause festgenommen und dem Haftrichter vorgeführt worden, teilte die Staatsanwaltschaft Braunschweig mit. Es bestehe der dringende Tatverdacht des versuchten Totschlags in neun Fällen. Darüber hinaus wird dem Chirurgen in einem Fall schwere Körperverletzung und in einem weiteren Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen.

Der Beschuldigte habe sich gegenüber der Haftrichterin geäußert, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft der SZ. Bisher hatte der Arzt die Vorwürfe bestritten. Sein Strafverteidiger war für die SZ bis Redaktionsschluss nicht zu erreichen.

Der 45-Jährige soll bei neun Patienten bewusst wahrheitswidrig angegeben haben, dass eine Dialyse durchgeführt werden musste. "Durch diese Falschangabe rückten diese Patienten auf der Warteliste so weit nach oben, dass ihnen innerhalb kürzester Zeit ein Spenderorgan zugewiesen und dieses transplantiert wurde", teilte die Staatsanwaltschaft mit. Da Spenderorgane knapp seien, sei davon auszugehen, "dass durch die unwahren Angaben andere Patienten, die lebensbedrohlicher erkrankt waren als die gemeldeten, kein Spenderorgan erhielten und möglicherweise aus diesem Grunde verstorben sind." Aufgrund seiner Kenntnisse der Organknappheit und des Transplantationssystems soll der Beschuldigte dies zumindest billigend in Kauf genommen haben.

Da sich nicht nachvollziehen lasse, welche Patienten gestorben seien, laute der Vorwurf auf versuchten Totschlag, sagte der Strafrechtler Hans Lilie von der Universität Halle der SZ. Dieser ist mit mindestens zwei Jahren Haft bewehrt. Es könne zu einer Verurteilung kommen, wenn nachgewiesen werde, dass der Chirurg den Tod von Menschen billigend in Kauf genommen habe. Lilie war als Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer an der Aufklärung der Vorgänge in Göttingen beteiligt.

Der beschuldigte Chirurg soll darüber hinaus zwei Patienten transplantiert haben, bei denen dies gar nicht nötig gewesen sei. Da eine Lebertransplantation ein schwerwiegender Eingriff ist, steht hier der Vorwurf der Körperverletzung im Raum. Beide Patienten sind verstorben. In einem dieser Fälle hätte wegen einer Vorerkrankung nicht einmal dann eine Leber verpflanzt werden dürfen, wenn die Patientin sie benötigt hätte. Dem Beschuldigten sei bekannt gewesen, dass diese nicht erforderlich und mit erheblichen Risiken verbunden war, so die Staatsanwaltschaft.

Es werde noch in einer Vielzahl weiterer Fälle ermittelt, sagte die Sprecherin der Süddeutschen Zeitung. Insgesamt geht es in Göttingen um Manipulationen bei 23 Patienten. In den genannten elf Fällen gebe es aber bereits "eindeutig einen dringenden Tatverdacht". Es sei auszuschließen, dass die Vorgänge stattgefunden hätten, "ohne dass der Arzt davon Kenntnis hatte".