Nahrungsmittel Eingebildete Allergiker

Die Kiwi bitzelt auf der Zunge, nach einem Glas Milch drückt's im Darm: Jeder fünfte Deutsche glaubt, er habe eine Allergie - aber die meisten irren und üben unnötigerweise Verzicht. Der einzige definitive Test ist allerdings unangenehm.

Von Claudia Füssler

Die Symptome erscheinen eindeutig: Die Kiwi bitzelt auf der Zunge, nach einem Glas Milch drückt's im Darm, und am linken Unterarm juckt es, seit das zweite Stück Kirsch-Nuss-Streusel aufgegessen ist. Das muss eine Allergie, mindestens aber eine Nahrungsmittelunverträglichkeit sein, konstatieren die Betroffenen und verzichten aus Furcht vor heftigen, möglicherweise sogar gefährlichen körperlichen Reaktionen fortan auf Kiwis, Milch oder Nüsse. Dabei ist für die meisten von ihnen eine solche Diät unnötig.

Rund 20 Prozent der Deutschen glauben, sie reagieren allergisch auf ein oder mehrere Lebensmittel. "Nach gründlicher Untersuchung bleiben aber nur ungefähr zwei Prozent übrig, die eine echte Lebensmittelallergie haben", sagt Jörg Kleine-Tebbe, Allergologe am Allergie- und Asthma-Zentrum Westend in Berlin. Von 100 Deutschen wähnen sich also rund 20 als Allergiker - 18 von ihnen irren.

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine amerikanische Expertenkommission in ihrem jüngst vorgestellten Bericht für das US-Nationalinstitut für Allergien und Infektionskrankheiten in Bethesda (Maryland). Demnach reagieren etwa vier Prozent der Erwachsenen und fünf Prozent der Kinder in den USA allergisch auf Lebensmittel; bis zu 30 Prozent der Amerikaner sind aber davon überzeugt, eine Nahrungsmittelallergie zu haben. Diese haben sie oft durch allzu penible Selbstbeobachtung schlicht falsch diagnostiziert oder aber zweifelhaften Tests vertraut. Das Resultat sind Restaurantbestellungen, die die Nerven der Kellner strapazieren: Einmal den "Bunten Sommersalat", aber bitte ohne Paprika und Zwiebeln, wenn Sellerie drin ist, bitte auch weglassen, und nur wenig Tomaten. Der Spaß am Essen bleibt so über kurz oder lang auf der Strecke.

Ohnehin sollte der Speiseplan möglichst bunt sein, solange sich noch keine Allergie entwickelt hat - das gilt vor allem für kleine Kinder. Lange galt die Doktrin, Babys im ersten Lebensjahr keine potentiell Allergie auslösenden Lebensmittel zu geben; doch zahlreiche aktuelle Studien zeigen, dass damit eher das Gegenteil erreicht wird. "Langes Meiden scheint das Allergierisiko sogar zu erhöhen", erklärt Torsten Schäfer, Allergologe in Ratekau und Mitautor der aktuellen Leitlinie zur Allergieprävention. Statt zur Abstinenz in den ersten Lebensmonaten raten Allergologen nun dazu, Kindern möglichst früh jene Lebensmittel zu füttern, die als besonders Allergie auslösend gelten.

So schützt Fisch - jahrelang in Babynahrung gefürchtet - offenbar sogar vor der Entwicklung von Allergien. "Das ist ein nachgewiesenermaßen präventiv wirksames Lebensmittel", sagt Schäfer. Das gilt vor allem für fettreiche Seefische wie Makrele, Lachs und Hering mit ihrem hohen Gehalt an ungesättigten Fettsäuren. Ob auch Erwachsene durch vorschnelles Vermeiden eine Nahrungsmittelallergie erst auslösen, ist noch umstritten.

Schummeln auf dem Etikett

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