Medizin Forscher entwickeln Schlaflabor fürs Handgelenk

Wie gut schlafen Menschen im eigenen Bett? Das wollen Forscher nun herausfinden.

(Foto: dpa)
  • Einer Studie zufolge lässt sich die Schlafqualität mithilfe von Bewegungsmessern am Handgelenk analysieren.
  • Die Forscher analysierten Daten aus mehr als 16 000 Schlafzyklen von gut 570 Probanden.
  • Sie konnten erkennen, dass der Schlaf eines Gesunden einen Rhythmus von 90 bis 110 Minuten hat.
Von Kathrin Zinkant

Das Schlafzimmer gehört aus verschiedenen Gründen zu den privatesten Orten des Menschen, und einer der wichtigsten dieser Gründe ist die ungestörte Nachtruhe. Wehe, wenn einer vorm Bett steht und zuguckt. Für die Schlafforschung ist das ein Problem, denn zugucken muss sie, und messen auch. Deshalb werden die Probanden in Schlaflabors verkabelt. Der normale Schlaf zu Hause? Unergründlich, bis jetzt: Einer Studie des Chronobiologen Till Roenneberg zufolge lässt sich die Schlafqualität mithilfe von Bewegungsmessern am Handgelenk analysieren.

Den Wermutstropfen vorab: Gemeint sind nicht die angesagten Fitnessarmbänder. Zwar verfügen die Apps solcher Schrittzähler oft schon über eine Schlafanalyse, die tiefen von leichtem Schlaf unterscheidet und Wachphasen unerbittlich pink markiert. Andererseits macht aber der Schrittzähler oft schon im Sitzen Strecke - man ahnt also, dass es mit der Qualität der Analyse nicht allzu weit her ist. Sie folge keinen nachvollziehbaren Standards, sagt Roenneberg, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München forscht.

Das kleine Zappeln, die halbe Drehung

Die Wissenschaft selbst ist da weiter. Sie nutzt standardisierte Licht- und Bewegungs-Tracker schon seit Jahrzehnten, um den Schlaf unter realen Bedingungen zu erfassen. Bislang war das allerdings nur für die Dauer des Schlafs möglich, nicht für die Qualität. Das liegt daran, dass sich selbst bewegungsfreudige Träumer nachts kaum rühren. Das kleine Zappeln, die halbe Drehung, all das blieb im Vergleich zur Tagesaktivität schwaches Rauschen. Detaillierte Analysen ließen sich nicht anstellen.

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Was aber, wenn sich das mickrige Signal in eine brauchbare Messgröße verwandeln ließe? Genau das ist Roenneberg offenbar gelungen. Der Forscher nutzte Daten aus mehr als 16 000 Schlafzyklen von gut 570 Probanden mit Bewegungsmesser am Handgelenk. "Wir haben uns anstatt auf die geringe Aktivität dann aber auf die Inaktivität während des Schlafs konzentriert", erklärt der Experte für biologische Rhythmen. Dank einer simplen Rechentransformation habe man die Schlafphasen anhand der Inaktivität strukturell analysieren können.

"Wir können erkennen, dass der Schlaf eines Gesunden einen Rhythmus von 90 bis 110 Minuten hat", sagt Roenneberg. Zwischen diesen Phasen wird der Schlafende aktiv. Im Alter verändere sich der Rhythmus, die Inaktivität nimmt zu. Roenneberg verglich seine Ergebnisse auch mit Messungen im Schlaflabor und konnte zeigen, dass die Rhythmen die einschlägigen Schlafphasen spiegeln.

Kann man nun auf Schlaflabors verzichten? Schlafmediziner sehen das kritisch: Die zur Untersuchung von Schlafproblemen nötigen Messgeräte für Hirnströme, Atem und Augenbewegungen lassen sich nicht auf Uhrenformat schrumpfen. Roenneberg aber kann mit den wissenschaftlichen Trackern künftig direkt aus den Schlafzimmern die Daten vieler Menschen sammeln und sie nun im großen Stil qualitativ analysieren. "Wie ändert sich der Schlaf im Alter, wie sieht er bei Schichtarbeitern aus, wie bei Schulkindern?", fragt der Forscher. Wenn er darauf Antworten findet, wird sein Labor am Handgelenk vielleicht, was er hofft: eine Revolution.