Bei Leber-Transplantationen Neuer Organspende-Skandal in Leipzig

Manipulationen in 37 von 182 Fällen: Am Leipziger Universitätsklinikum sind vor Lebertransplantationen Daten verändert worden, um Patienten kränker erscheinen zu lassen. Der Vorstand beurlaubt einen Klinikdirektor und zwei Oberärzte.

Von Christina Berndt

Auch am Universitätsklinikum Leipzig hat es offenbar zahlreiche Manipulationen bei Lebertransplantationen gegeben. Das teilte das Klinikum am Dienstag mit. Bei 37 der 182 Patienten, denen in den Jahren 2010 und 2011 eine Spenderleber transplantiert wurde, seien Daten manipuliert worden, sagte der Medizinische Vorstand des Klinikums, Wolfgang Fleig, der Süddeutschen Zeitung.

In diesen Fällen wurde nach Darstellung Fleigs angegeben, die Patienten hätten eine Blutwäsche erhalten. In Wirklichkeit wurde diese nie vorgenommen. Dadurch erschienen die Patienten kränker, als sie tatsächlich waren. Sie bekamen von der Organvermittlungsstelle Eurotransplant schneller eine neue Leber zugeteilt. Die beiden Oberärzte, die das Transplantationsbüro des Klinikums bisher leiteten, seien beurlaubt worden, sagte Fleig. Der Vorstand habe auch den Direktor der Klinik für Transplantationschirurgie von seinen Aufgaben entbunden. Die drei Ärzte waren am Dienstag nicht zu erreichen.

Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden fast sämtliche Manipulationen in den Jahren 2010 und 2011 vorgenommen. Weshalb zu diesem Zeitpunkt plötzlich der Organ-Betrug anfing, fragt sich auch Vorstand Fleig. Es habe keinen einschlägigen Personalwechsel gegeben. Auch sei die Zahl der Transplantationen in diesen Jahren keineswegs sprunghaft gestiegen. Den größten Sprung hatte die Zahl der Lebertransplantationen nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation in Leipzig bereits zuvor gemacht. Sie war von 46 im Jahr 2007 auf 60 im folgenden Jahr sowie 79 im Jahr 2009 gestiegen; dann wuchs sie nur noch auf 85 im Jahr 2010 sowie auf 97 im Jahr 2011. Schon 2008 war der jetzt beurlaubte Klinikdirektor von Berlin nach Leipzig gekommen.

Im abgelaufenen Jahr gab es offenbar nur noch eine Manipulation, sagte Fleig. Allerdings hatte Eurotransplant inzwischen den Betrug erschwert, im Zuge des Organspende-Skandals von Göttingen: Seither müssen Kliniken die Dialyseprotokolle beilegen, wenn sie Patienten auf die Warteliste bei Eurotransplant setzen. Das Klinikum Leipzig arbeite mit Nachdruck daran, die Vorgänge aufzuklären, sagte Fleig. Umstrukturierungen, die solche Manipulationen künftig erschweren, seien ohnehin schon seit Herbst vorgenommen worden. Damals bestand zwar noch kein Verdacht.

Die Manipulationen an anderen Kliniken aber hätten den Vorstand veranlasst, das eigene Haus zu überprüfen. Die Innenrevision habe ebenfalls darauf hingewiesen, dass das System in Leipzig anfällig sei. Seither unterstehe das Transplantationsbüro direkt dem Vorstand. Auch sei ein Mehraugenprinzip installiert, wie es die neuen Richtlinien der Bundesärztekammer verlangen. Chirurgen können nun nicht mehr allein Entscheidungen fällen, wen sie bei Eurotransplant auf die Warteliste setzen.

Am Uniklinikum Göttingen waren in mehr als 20 Fällen Daten von Patienten manipuliert worden, am Uniklinikum in Regensburg geht es um mehr als 40 Fälle. Untersuchungen am Münchner Klinikum rechts der Isar sind noch nicht abgeschlossen; dort sind mindestens vier Manipulationsversuche bekannt geworden.