Kinderlähmung Doppelt wirkt besser

Polio-Impfung in Nigeria - gerade in Krisengebieten ist die Bekämpfung des Erregers schwierig

(Foto: Mary F. Calvert)

Seit Jahrzehnten streiten Wissenschaftler, ob Schluckimpfung oder Spritze besser vor Polio schützt. Die Weltgesundheitsorganisation spricht nun eine neue Empfehlung aus. Das Ziel ist ehrgeizig.

Von Katrin Blawat

Tropfen oder Spritze? Im Fall der Polio-Impfung geht es dabei um mehr als die Frage, ob man seinem Kind einen Pikser zumuten will. Gegen Poliomyelitis (Kinderlähmung) gibt es seit mehr als 50 Jahren zwei verschiedene Vakzine: einen Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Erregern, verabreicht in Form von Tropfen zum Schlucken, und einen Totimpfstoff aus inaktivierten Virusfragmenten, die in den Muskel gespritzt werden. Welcher besser ist, wird gerade intensiv diskutiert, weil die weltweiten Bemühungen, Polio auszurotten, ins Stocken geraten sind. In Israel zum Beispiel haben die Behörden vor einem Jahr wieder die Schluckimpfung eingeführt, weil das Virus nach 25 Jahren Abwesenheit wieder nachgewiesen wurde.

Für ein Forscherteam um Hamid Jafari von der Weltgesundheitsorganisation WHO ist die Antwort kein Entweder-oder, sondern ein Sowohl-als-auch: "Beide Vakzine ergänzen einander." Die Wissenschaftler haben eine Studie mit gut 950 Kindern im Norden Indiens ausgewertet (Science, Bd. 345, S. 922, 2014). Demnach sollten Kinder in Ländern, in denen Polio noch immer schwierig auszurotten ist, routinemäßig mit der Schluckimpfung grundimmunisiert werden - und eine Auffrischung per Spritze mit Totimpfstoff erhalten.

Viele ärmere Länder greifen zur Schluckimpfung

Schwierig war die Entscheidung für das beste Impfschema, weil beide Vakzine Vor- und Nachteile haben. So ist der Totimpfstoff vergleichsweise sicher und wirksam darin, den Ausbruch der Krankheit zu verhindern. In Europa verwenden ihn Ärzte seit Ende der 1990er-Jahre deshalb ausschließlich. Um die Viren auch in jenen Ländern auszurotten, in denen die Erreger noch in großer Anzahl zirkulieren, eignet er sich jedoch weniger gut. In schwer zugänglichen Regionen, etwa in Pakistan, Afghanistan oder Nigeria - den Ländern mit der größten Polio-Verbreitung -, können logistische Aspekte wie die Verfügbarkeit von sterilen Einwegspritzen über den Erfolg von Impfkampagnen entscheiden.

Der Lebendimpfstoff hingegen lässt sich billiger herstellen und leichter verabreichen. Allerdings birgt er das - wenn auch sehr kleine - Risiko, dass die Impfung selbst die Krankheit hervorruft. Außerdem schwindet der Schutz vergleichsweise schnell, sodass ein Kind mehrere Dosen braucht. Dennoch gilt die Schluckimpfung in vielen ärmeren Ländern als das Mittel der Wahl, um Polio zu bekämpfen.

Bis 2018 soll die Welt frei von Kinderlähmung sein

Die Kinder in der aktuellen Studie waren zwischen sechs Monate und zehn Jahre alt. Eine Gruppe erhielt mehrmals zwei Dosen des Lebendvakzins, ein anderer Teil bekam zusätzlich den Totimpfstoff gespritzt. Diese Probanden waren am besten geschützt, wie Blut- und Stuhluntersuchungen zeigten: Ihre Körper hatten mehr Antikörper gegen die Erreger gebildet, als Kinder, die nur die Schluckimpfung bekommen hatten. Außerdem schieden die doppelt Vakzinierten weniger Viren aus, waren also auch weniger ansteckend für Mitmenschen. Daher sollte der Totimpfstoff "eingesetzt werden, um die Ausrottung der Viren in jenen Ländern zu beschleunigen, in denen der Zugang zu Impfungen begrenzt ist", folgert Jafari.

Die WHO hat angesichts der neuen Erkenntnisse, die sich schon in früheren Studien abgezeichnet hatten, ihre Impf-Empfehlung verändert. Länder, die auf Schluckimpfung setzen, sollten Kindern fortan routinemäßig auch eine Dosis des Totvakzins verabreichen. Das soll helfen, einen ehrgeizigen Plan zu erfüllen: die Welt bis Ende 2018 von Kinderlähmung zu befreien. Ob das klappt, hängt entscheidend vom Erfolg in Pakistan, Afghanistan und Nigeria ab. In Teilen dieser drei Länder hält sich die Krankheit bislang hartnäckig. Außerdem gelangten die Viren von dort zuletzt auch wieder in andere Staaten, etwa Syrien und Kamerun.