Impfskepsis in Nigeria Im Nahkampf gegen Polio

Das Beispiel Nigeria zeigt, wie mühsam es ist, eine ideologisch aufgewiegelte Gesellschaft von Impfungen zu überzeugen. Die Kinderlähmung könnte längst ausgerottet sein, doch bizarre Gerüchte machen vor allem Muslime skeptisch.

Von Leslie Roberts

Der Junge war abwechselnd trotzig und den Tränen nah. Sein Vater hatte dem ungefähr 16-Jährigen strikte Anweisungen gegeben, das Impfteam auf keinen Fall ins Haus zu lassen. Und so blieb den Helfern keine Wahl, als ihren Polio-Impfstoff wieder einzupacken. "RX" schrieben sie mit Kreide an die Lehmwand der Behausung im nigerianischen Bundesstaat Kaduna - das Codewort für "Impfverweigerer".

Aber dann wurde der Junge von einem sehr wichtigen Mann auf die Straße gerufen, den Fernsehkameras und Sicherheitsleuten nach zu urteilen, die ihn umgaben. Der wichtige Mann trug eine einfache, weiße Robe und stellte sich als Muhammad vor, auf Hausa, der Sprache in Nigerias Norden. Er legte dem Jungen eine Hand auf die Schulter und fragte ihn, was er dagegen habe, dass die Kinder gegen Polio geimpft werden. Mindestens eine halbe Stunde lang hörte er zu, was der Junge zu sagen hatte. Muslime in Nigerias Norden sehen in dem Impfstoff einen Versuch der Christen aus dem Süden, sie auszurotten. Gerüchten zufolge enthalten die Tropfen Aids-Viren oder Stoffe, die unfruchtbar machen.

Warum bekommen wir nur den Polio-Impfstoff, aber keine Hilfe für unsere anderen Probleme, fragte der Junge. Werdet ihr uns zwingen, ihn zu nehmen? Nein, es ist deine Entscheidung, sagte Muhammad, und erklärte, dass der Impfstoff sicher sei. Er habe seine eigenen Kinder impfen lassen. Außerdem habe die Welt die einmalige Chance, die Krankheit, die schreckliche Lähmungen zur Folge hat, auszurotten. Der Junge möge sich dem nicht versperren.

Die ganze Zeit über hatte der ältere Bruder des Jungen hinter einem Vorhang zugehört, der die Eingangstür des Hauses bildete. Jetzt trat er mit einer Frage hervor: Übernimmst du, Muhammad, die Verantwortung, wenn den Kindern etwas passiert? Ja, das tue ich, versprach der Mann. Dann brachte der Bruder die Kinder aus dem Haus, damit sie ihre Tropfen bekommen. In der Menge, die sich mittlerweile versammelt hatte, brach Applaus aus.

Der Mann in der Robe stieg wieder in sein Auto und brauste davon - in einem schwer bewaffneten Konvoi mit blinkenden Lichtern und kreischenden Sirenen. Muhammad Ali Pate war der Gesundheitsminister des Landes, auf einer seiner monatlichen Touren durch den armen Norden Nigerias. Das sei ein kleiner Sieg gewesen, sagte er auf der Rückbank seines Geländewagens. Aber unverzichtbar, um die auch Kinderlähmung genannte Krankheit in Nigeria zu besiegen. "Man braucht Wissenschaft, um Polio auszurotten. Aber es umzusetzen, ist eine Kunst."