Körperhaltung Ist Sitzen das neue Rauchen?

Wer sitzt, kann sich besser konzentrieren

(Foto: dpa)

Sitzen gilt als extrem gesundheitsschädlich. Doch Forscher wissen auch: Zwischen Liegen und Stehen wird der Mensch erst zum Menschen. Ein Grund, unsere Haltung zu überdenken.

Von Julia Gross

Es fängt schon mit der Sprache an. Wer sich danebenbenimmt, sitzt nach. Wer schlecht in der Schule ist, bleibt sitzen. Man sitzt im Gefängnis und wird sitzen gelassen. Nimmt man noch Sesselpupser und Couchpotatoes dazu, wird schnell klar: Wer sitzt, ist faul, dumm, schlecht oder alles zusammen - und ganz gewiss nicht gesund, denn: Zu langes Sitzen führt zu Muskelverspannungen und Rückenproblemen. Studien zufolge erhöht es die Risiken für Bluthochdruck, Diabetes, Arteriosklerose, Thrombosen und manche Krebsarten. Sogar Teile des Hirns sollen im Sitzen degenerieren. Kurzum, wer viel sitzt, stirbt früher und ist selbst daran schuld.

Aber warum sitzen wir dann überhaupt? So viel an der Kritik extremer Sitzerei auch dran sein mag, sie verstellt den Blick auf die andere Seite. Sitzen an sich ist nämlich eine höchst wichtige Fähigkeit. Tatsächlich wären wir wohl kaum dieselben Menschen, wenn wir nicht sitzen könnten.

Bemerkbar macht sich das gleich nach der Geburt: Neugeborene genießen es, wenn sie in einer aufrechten, vertikalen Position gehalten werden. "Man kann das schon bei ganz kleinen Kindern an der Reaktion der Augen sehen", sagt Mijna Hadders-Algra, Professorin für Entwicklungsneurologie an der niederländischen Universität Groningen. "In dieser Position passiert etwas im Gehirn der Kinder, das sie aufmerksamer macht. Sie können sich dann besser im Raum orientieren und mit der Umwelt in Interaktion treten. Das fördert die gesamte motorische, kognitive und soziale Entwicklung."

Warum schon Babys das Sitzen genießen

Mit dem eigenständigen Sitzen versucht das Baby, Kontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen. Und es ist deutlich einfacher als Stehen oder Laufen: Von Anfang an versuchen Säuglinge, ihren Kopf hoch zu halten, sie trainieren ihre Muskeln, lernen Schwerkraft, Drehmoment und Spannung kennen. Zwischen dem vierten und achten Lebensmonat gewinnen die Kinder Schritt für Schritt mehr Kontrolle über ihre Haltung.

"Für ein Baby verändert sich alles, sobald es sitzen kann", sagt Nick Stergiou, Direktor des Instituts für Biomechanik an der Universität von Nebraska. "Es kann anstatt der Zimmerdecke die Welt sehen, es kann beobachten, wie Menschen sich bewegen." Die Kinder schauen dabei keineswegs wahllos herum. Sobald sie jemanden laufen oder krabbeln sehen, lenken sie ihren Blick auf die daran beteiligten Gelenke. Womöglich hilft ihnen dieses Beobachten, die nächsten Schritte in ihrer eigenen motorischen Entwicklung leichter zu meistern.

Stergiou behandelt Kinder mit zerebraler Parese, einer relativ häufigen Bewegungsstörung, die durch frühkindliche Hirnschädigungen verursacht wird. "Diese Kinder sitzen und laufen später, sie können also ihre Umwelt nicht genauso erforschen wie gesunde Kinder. Dadurch sind sie auch in ihrer kognitiven Entwicklung verzögert", sagt der gebürtige Grieche. "Ich denke, diese Patienten verpassen durch das späte Sitzen wichtige Aspekte in der Entwicklung, weil zu einem späteren Zeitpunkt das Nervensystem nicht mehr so anpassungsfähig ist. Das führt zu mehr und noch schwerer wiegenden Problemen im weiteren Lebensverlauf."