Antibiotika-Strategie der Regierung "Viele Dinge daran sind zweifelhaft"

Die Bundesregierung rüstet massiv gegen resistente Erreger auf. Der Internist Gerd Fätkenheuer hält wenig von den Plänen. Viele Patienten werden wohl gar nicht von den Maßnahmen profitieren, andere könnten sogar schlechter versorgt werden.

Interview von Kathrin Zinkant

Der Internist Gerd Fätkenheuer ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Seit 2004 hält er eine außerordentliche Professur am Universitätsklinikum in Köln und ist dort verantwortlicher Konsiliar.

(Foto: Uniklinik Köln)

Wenige Tage sind vergangen, seit sich die Staats- und Regierungschefs der G-7-Staaten auf Schloss Elmau getroffen haben. Erstmals waren in der exklusiven Runde auch Antibiotikaresistenzen ein Topthema, eingebracht von der Kanzlerin und ihrem Gesundheitsminister, Hermann Gröhe. Gröhe hatte im März eine Strategie gegen Resistenzen vorgelegt - und dafür nicht nur Lob geerntet. Auch Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik in Köln übt Kritik an den Plänen.

SZ: Was halten Sie vom Engagement der Regierung gegen Antibiotikaresistenzen?

Gerd Fätkenheuer: Ich finde es sehr gut, dass sich die Bundesregierung dieses Themas annimmt, vor allem, weil sie es nun im internationalen Kontext tut. Denn multiresistente Erreger gibt es bei uns zwar auch, aber in anderen Ländern ist die Situation deutlich gravierender. Wenn in diesen Ländern nichts unternommen wird, werden die Probleme bald auch uns erreichen.

Haben uns die Probleme denn nicht schon längst erreicht? Es gibt deshalb immerhin einen Zehn-Punkte-Plan des Gesundheitsministeriums. Und im Mai wurde DART 2020 verabschiedet, ein ausführliches Strategiepapier gegen MRSA und Co.

Ja, aber man sollte sich im Klaren darüber sein, welche Rolle multiresistente Erreger in Deutschland wirklich spielen. Die weit überwiegende Zahl aller Infektionen, ambulant oder im Krankenhaus, wird gar nicht durch multiresistente Erreger verursacht, sondern durch ganz normale Bakterien, die noch empfindlich auf Antibiotika reagieren. Trotzdem sind diese häufigeren Infektionen oft genauso gefährlich. Das Thema ist deshalb als Ganzes zu sehen, nicht nur mit Blick auf die Resistenzen - wie in den Plänen von Bundesminister Gröhe. Denn die meisten Patienten mit schweren Infektionen profitieren von dieser Strategie gar nicht, und auch mit Blick auf die Resistenzen sind einzelne Maßnahmen zweifelhaft.

Welche Maßnahmen zum Beispiel?

Zum einen ist geplant, die Patienten mit Resistenzen frühzeitig zu erkennen, die sogenannten Screenings auszuweiten. Es gibt aber wenige Erreger, für die ein Screening in einzelnen Risikopatienten sinnvoll ist, vor allem, wenn diese Menschen aus Risikogebieten außerhalb Deutschlands kommen. Grundsätzlich zu screenen, ist überhaupt nicht zielführend. Denn wenn man einen Keim bei einem Patienten findet, der selbst gar nicht daran erkrankt ist, sondern den Erreger zum Beispiel einfach so im Darm herumträgt - da weiß man noch lange nicht, was das bedeutet, ob das wirklich gefährlich für den Patienten selbst oder für andere ist.

Man weiß aber, dass der Erreger da ist.

Das Ganze hat aber auch Nebenwirkungen. Wenn so ein Patient von den anderen Patienten und dem klinischen Betrieb isoliert wird, bekommt er häufig nicht die Behandlung, die ihm zusteht. Obwohl er, wie gesagt, gar nicht selbst an dem Keim erkrankt sein muss, und ihn vermutlich auch nicht so leicht auf andere übertragen wird. Die Suche nach resistenten Erregern kann so gesehen zu einer schlechteren Versorgung der Patienten führen. Wir sollten eine sinnvolle Balance schaffen zwischen dem berechtigten Anspruch der Gesellschaft, diese Erreger zu bekämpfen, einerseits. Und andererseits den berechtigten Ansprüchen einzelner Patienten. Da muss man eben auch schauen, ob die Maßnahmen eine solche Balance gewährleisten.