Europa Hunderttausende HIV-Infizierte leben ahnungslos

Ein Drittel aller HIV-positiven Menschen in Europa weiß nichts von der Infektion. Sie gefährden die eigene Gesundheit - und können den Aids-Erreger weiter verbreiten. Einige Regionen des Kontinents haben schon jetzt höhere Neuinfektionsraten als die Brennpunkte in Afrika.

Von Werner Bartens

Die Aussichten, trotz einer HIV-Infektion noch 20 Jahre und länger zu leben, haben sich in der vergangenen Dekade enorm verbessert. Zwar sind kaum neue Medikamente gegen Aids hinzugekommen, doch die immer feiner abgestimmte sogenannte antiretrovirale Kombinationstherapie hat dazu geführt, dass Aids nicht mehr ein schnelles Todesurteil bedeutet - sondern längst von "Langzeitüberlebenden" die Rede ist.

Eine günstige Prognose haben allerdings hauptsächlich jene Infizierten, die schon bald nach der Ansteckung behandelt werden. Umso erstaunlicher muten die Befunde an, die derzeit auf dem Europäischen Aids-Kongress diskutiert werden, der noch bis zum Wochenende in Brüssel stattfindet. Demnach weiß etwa ein Drittel der 2,4 Millionen HIV-positiven Menschen in Europa gar nicht, dass sie mit dem Erreger infiziert sind.

Zwischen 850.000 und 900.000 Menschen haben sich angesteckt, ohne es bisher bemerkt zu haben, und es dauert oftmals acht bis zehn Jahre, bis die Krankheit in der Klinik entdeckt wird. "In diesem langen Zeitraum können Infizierte viele andere Menschen anstecken - und ihre Gesundheit hat auch bereits gelitten", sagt Jens Lundgren, Aids-Forscher aus Kopenhagen und Leiter europaweiter Programme für einen früheren Therapiestart. Das Immunsystem der Infizierten ist dann schon stark angegriffen und ihre Lebenserwartung hat sich verringert.

Vor allem unter heterosexuellen Männern wird die Infektion erst spät entdeckt

"Die Gleichung ist ganz einfach: Je früher die Diagnose gestellt wird und die Therapie beginnt, desto weniger Menschen müssen früh sterben", sagt Lundgren. Seine Arbeitsgruppe hat kürzlich im Fachmagazin PLOS Medicine gezeigt, dass 54 Prozent der HIV-positiven Menschen in Europa zu spät behandelt werden. Besonders erschreckend: Die Rate der Neuinfektionen ist derzeit in Regionen Osteuropas wie beispielsweise der Ukraine höher als in den bisherigen Aids-Brennpunkten in Afrika. Dass eine HIV-Infektion erst sehr spät entdeckt wird, kommt besonders oft unter heterosexuellen Männern vor sowie in südeuropäischen Ländern.

Obwohl eine frühe Diagnose wünschenswert wäre, fordern die Aids-Forscher keine flächendeckenden Tests für geschlechtsreife Menschen. Vielmehr sind Hausärzte, Magen-Darm-Experten, Hautärzte und Mediziner in Klinikambulanzen gefragt. Denn etliche HIV-positive Menschen suchen zwar einen Arzt auf, aber ihre Infektion bleibt unentdeckt.

Um diesem Missstand abzuhelfen, müssten auch jene Beschwerden mit HIV in Zusammenhang gebracht werden, die auf den ersten Blick wenig mit Aids zu tun zu haben scheinen. So sind Hepatitis, Tuberkulose, Gebärmutterhalskrebs, aber auch Lymphdrüsenkrebs und eine Entzündung der Speiseröhre mit Candida-Pilzen häufiger bei Patienten, deren Immunsystem vom HI-Virus geschwächt ist. Wenn Ärzte bei diesen Leiden automatisch einen Aids-Test vorschlagen würden, könnten viele Kranke - und etliche Gesunde, bei denen in der Folge eine Ansteckung vermieden würde - davon profitieren.

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"Wir vergeben zahlreiche Chancen, HIV-Infektionen frühzeitig zu entdecken", sagt Lundgren. "Das liegt aber nicht in erster Linie an der Unwissenheit der Mediziner, sondern daran, dass Aids auch unter Ärzten noch immer ein großes Tabu ist."