Dyskalkulie "Uns geht da enormes Potenzial verloren"

Eine Dyskalkulie kann man erst im Schulalter diagnostizieren.

(Foto: dpa)

Was ist ein simples Mathe-Problem und wo beginnt eine ernsthafte Rechenstörung? Was hilft den betroffenen Schülern? Der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Schulte-Körne erklärt, was die neue Leitlinie zur Dyskalkulie empfiehlt.

Interview von Jan Schwenkenbecher

Manche Kinder leiden unter einer Dyskalkulie. Den Betroffenen fehlt das mathematische Grundverständnis. Aber nicht jedes Kind, das sich in Mathe schwertut, hat auch eine Rechenstörung. Um Medizinern präzise Diagnoseverfahren und Pädagogen Fördermethoden aufzuzeigen, gibt es nun eine neue Dyskalkulie-Leitlinie. Mehr als 20 Verbände und Experten haben diese erarbeitet, sie hat die höchste Qualitätsstufe "S3". Der Kinder- und Jugendpsychiater Gerd Schulte-Körne, Koordinator der Leitlinie, erklärt, was sie bringt.

SZ: Es gibt schon Kriterien für Dyskalkulie. Warum eine neue Leitlinie?

Gerd Schulte-Körne: Die bestehenden Kriterien sind entweder US-amerikanisch oder von der WHO. Die S-3-Leitlinie bezieht sich auf Deutschland.

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Gibt es da denn Unterschiede?

Die bisherigen Kriterien werden im medizinisch-psychologischen Bereich genutzt, im pädagogischen eher selten. Die Kinder tauchen aber mit ihren Problemen in der Schule auf. Das Ziel war, mit all jenen eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, die mit betroffenen Kindern arbeiten. Also auch mit Lehrkräften, Lerntherapeuten, Erziehungsberatungsstellen und der Jugendhilfe.

Drei bis sechs Prozent aller Menschen leiden an Dyskalkulie. Die neuen Diagnose-Empfehlungen sind umfassender als die bisherigen. Sinken die Zahlen künftig?

Nein. Die Diagnosen werden spezifischer. Es gibt viele Kinder und Jugendliche mit Mathe-Problemen, aber nicht jedes von ihnen hat eine Rechenstörung. Den Kindern, die wir meinen, fällt es in der Schule schwer, die Grundrechenarten zu lernen und sich Zahlenverhältnisse vorzustellen. Ist 67 kleiner als 76? Was ist der Unterschied zwischen einer 1, die in der Zahl 10 vorkommt, und einer alleinstehenden 1? Ihnen fehlen grundlegende Konzepte und die lernen sie nur schwer.

Wann zeigt sich das?

Wenn die Kinder in der Rechenentwicklung von Anfang an riesige Probleme haben. Etwa wenn sie weiter abzählen, auch wenn kompliziertere Mal-Aufgaben dran sind. Da sollte das Rechnen eigentlich abstrakter werden. Wenn man genau hinschaut, kann man auch im Vorschulalter schon Hinweise entdecken - Probleme mit Mengenverhältnissen und beim Abschätzen von Größen, etwa drei und vier Äpfel zu unterscheiden.

Vor der Einschulung spricht man nur von einem Dyskalkulie-Risiko. Warum?

Dyskalkulie bezeichnet eine Störung. Richtig erkennen kann man die aber erst Ende der ersten, Anfang der zweiten Klasse. Es gibt Kinder, die in der Vorschule Probleme beim Abzählen haben, aber in der Schule keine Rechenstörung entwickeln.

In der Leitlinie steht auch, Ärzte sollen klinische Tests und eine Differentialdiagnose machen. Etwa, um Hirnschäden auszuschließen. Muss jedes Kind, das schlecht rechnet, in den Hirnscanner?

Nein. Das wäre ja absolut übers Ziel hinausgeschossen.