Akustisches Phänomen Das Brummen im Schwarzwald

Im Auto, im Haus, manchmal mitten in der Natur: Betroffene hören ein tiefes Geräusch, gegen das fast nichts hilft.

(Foto: dpa)

Mobilfunk, Windkraft, eine Verschwörung oder Einbildung? In Baden-Württemberg hören Menschen ein seltsames Geräusch - fast immerzu. Sie verzweifeln daran.

Von Esther Göbel

Der Feind, sagt Brigitte Rieber, kommt von überall her. Aus dem Erdreich, über das Kanalsystem, durch die Luft. Nirgendwo ist sie sicher vor ihm, noch nicht einmal in ihren eigenen vier Wänden. Dort sei es sogar besonders schlimm, sagt die kleine Frau, blonder Kurzhaarschnitt, modische Kleidung. Bis in ihren Körper dringt der Feind vor, unsichtbar, für andere nicht wahrnehmbar, am Tag, in der Nacht, eigentlich immer. Nur an einigen Stellen im finsteren Schwarzwald, zwischen hohen Fichten auf weichem Erdboden, findet Rieber Ruhe - im wörtlichen Sinne. Nur dort hört jenes Brummen auf, das sie seit mehr als drei Jahren belästigt, ihr nachstellt wie ein Stalker. In ihren wenigen ruhigen Momenten sitzt sie zwischen baumelnden Blättern und Moosgeruch im Wald, schließt die Augen, atmet ein, atmet aus und betet: "Lieber Herrgott, hilf doch, dass dieser Ton irgendwann einmal aufhört."

Manche aus ihrem Heimatort Furtwangen halten sie deswegen für verrückt. "Die einen denken, man ist bekloppt, die anderen belächeln einen", sagt die 55-Jährige mit dem badischen Dialekt. Aber Brigitte Rieber ist nicht verrückt. Sie hat auch keinen Tinnitus im Ohr. Sie leidet unter dem "Brummton-Phänomen". Sie nimmt ein Geräusch wahr, das für sie klingt "wie so eine Turbine, die ganz langsam hochfährt und dann wieder zurück, in einer ganz tiefen Frequenz."

Rund um den Erdball berichten Menschen von dem Phänomen. Die ersten verlässlichen Quellen lassen sich in die Sechzigerjahre zurückdatieren, sie stammen aus England und Schottland. In den Achtziger- und Neunzigerjahren werden erste Berichte aus den USA veröffentlicht, und sie alle ähneln sich: Die Betroffenen berichten von einem brummenden oder dröhnenden Geräusch in einer sehr tiefen Frequenz. Doch woher dieses Geräusch kommt oder was genau es ist, können sie nicht sagen.

Selbst die Experten rätseln, dabei ist das Internet voll von wissenschaftlichen und spekulativen Diskussionen; längst hat sich ein weltweites Netzwerk zum Thema gebildet. Die Behörden sind alarmiert. Das Umweltbundesamt hat in diesem Jahr eine "Machbarkeitsstudie zu Wirkungen von Infraschall" veröffentlicht, so wird jener Frequenzbereich genannt, der unterhalb der menschlichen Hörgrenze von 20 Hertz liegt. Darin wird über den Brummton diskutiert. Doch Studienmitarbeiter Jens Ortscheid muss zugeben: "Wir wissen eigentlich überhaupt nichts."