7. Februar 2013, 10:46 Lebenszufriedenheit im Alter Das Glück der späten Jahre

Müssen wir uns vor dem Alter fürchten? Keineswegs: Ein 75-Jähriger ist heute so zufrieden wie ein 45-Jähriger. Doch kurz vor dem Tod verlässt das Glück viele Menschen. Forscher rätseln noch über die Gründe.

Von Berit Uhlmann

Die Witwe hat etwas Wichtiges mitzuteilen: "Mit 90 Jahren hat sich mein Leben komplett verändert." Die Besucherin atmet tief ein, sie erwartet Klagen, die berechtigter kaum sein könnten: die kranke Hüfte der alten Frau, die Schmerzen, die vielen Treppen. Doch dann leuchten die blauen Augen in den unzähligen Lachfalten auf: "Ein Mann ist in mein Leben getreten: ein grundanständiger Herr!" Auch wenn das Leben längst nicht immer auf diese Weise überrascht - Glück ist im Alter verbreiteter, als die meisten jüngeren Menschen glauben. Aber warum eigentlich?

Psychologen stellen immer wieder fest, dass Einbußen, Einschränkungen und Entsagungen zum Trotz die Lebenszufriedenheit auch im Alter hoch ist und mitunter sogar noch steigt. Erst kürzlich ergab eine umfangreiche Befragung von mehr als 1000 betagteren US-Amerikanern, dass sie erstaunlich wenig an ihrem Leben auszusetzen hatten. "Selbst die, die mitten in den Abbauprozessen des Alters steckten, berichteten, dass sich ihre Lebensqualität verbessert hat", sagt Studienautor Dilip Jeste.

Auch deutsche Rentner können ihrem Leben viel Positives abgewinnen. Im Deutschen Alterssurvey werden seit 1996 regelmäßig mehrere Tausend Bundesbürger von einem Alter von 40 Jahren an befragt. Etwa 60 Prozent äußern dabei eine hohe Zufriedenheit. Wirklich unzufrieden sind nur maximal sieben Prozent. Das Ergebnis bleibt über die Generationen hinweg nahezu gleich: Ein 75-Jähriger fühlt sich heute etwa genauso wohl wie ein 40-Jähriger.

Wissenschaftler versuchen seit Jahren, dieses Paradox der Lebenszufriedenheit zu ergründen. Gewiss spielen gesellschaftliche Faktoren eine Rolle: "Eine gute materielle Sicherung und Bildung sorgen für eine hohe Lebenszufriedenheit im Alter", sagt der Psychologe Clemens Tesch-Römer, Leiter des Deutschen Zentrums für Altersfragen in Berlin, das den Alterssurvey erstellt. Auch das Lebensumfeld hat einen Einfluss: Wer Ärzte, pflegerische Hilfen und soziale Kontakte in seiner Nähe hat, altert zufriedener.

Doch der größte Einfluss liegt wohl in den schier unglaublichen Anpassungsleistungen des Menschen. Legendär geworden sind die Untersuchungen des US-Psychologen Philip Brickman, der Anfang der 1970er-Jahre feststellte, dass sich die Empfindungen von Querschnittsgelähmten und Lottogewinnern nach einem kurzen Ausschlag ins Negative beziehungsweise Positive wieder an den vorherigen Zustand angleichen. "Veränderungen beeinflussen die Lebenszufriedenheit oftmals nur kurzfristig", sagt der Entwicklungspsychologe Denis Gerstorf von der Berliner Humboldt-Universität. Das Glücksgefühl hänge mehr von persönlichen Eigenschaften ab als von äußeren Faktoren.

Gerstorf hat die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer jährlichen Befragung von 12.000 Privathaushalten, über einen Zeitraum von 25 Jahren analysiert. Es zeigte sich, dass vorhersehbare Ereignisse eine geringere Wirkung haben als unerwartete. So ändert der Übergang ins Rentenalter erstaunlich wenig an der Lebenszufriedenheit. Negative Erlebnisse wirken stärker als positive: Die Hochzeit ist längst nicht so beglückend, wie der Verlust des Partners verheerend ist. Doch die meisten Lebensereignisse eint, dass die Zufriedenheit vieler Betroffener spätestens nach fünf Jahren wieder auf ihr ursprüngliches Level zurückkehrt. Psychologen nennen das Phänomen hedonistische Adaption. Es ist ein seelischer Schutzmechanismus, der wahrscheinlich auch dazu beiträgt, dass die Mehrheit der Menschen den Übergang zum Alter meistert.

Hinzu kommen aktive Anpassungsleistungen der Älteren: Vielen gelingt es, unrealistisch gewordenen Zielen zu entsagen, ohne allzu große Verluste zu empfinden. Sie richten ihren Blick stärker auf Fähigkeiten statt auf Einbußen. "Eine erfolgversprechende Strategie ist, die aktuelle Situation nicht mit früheren Lebensphasen, sondern mit der von Gleichaltrigen oder Älteren aus vergangen Zeiten zu vergleichen", sagt Tesch-Römer. Möglicherweise kommt den Älteren auch ihre stärkere Selektion der Kontakte zugute: Sie umgeben sich im Alter mit den Menschen, die ihnen Wohlbefinden verschaffen und reduzieren damit Konflikte, so Gerstorf.

Ist das Alter also das Arkadien des Lebens? Der Ort, wo Leistungsdruck, Konkurrenzgebaren, alltägliche Reibereien sich in Ruhe und Seligkeit auflösen? Clemens Tesch-Römer warnt: "Vorsicht vor zu viel Altersoptimismus". Längst nicht jeder Deutsche ist am Ende des Lebens rundum glücklich. So steigt die Rate der Suizide dem Statistischen Bundesamt zufolge etwa ab dem Rentenalter drastisch an. Während sich unter den 50- bis 65-Jährigen etwa 20 von 100.000 Personen selbst töten, sind es unter den 70- bis 75-Jährigen bereits fast 30, unter den 75- bis 80 Jährigen 40 und unter den über 90-Jährigen sogar 70 von 100.000.

Der Deutsche Alterssurvey kommt wohl zu einem positiveren Bild, weil hier nur Menschen in Privathaushalten befragt werden. Es geben also die Senioren Auskunft, die noch in ihren eigenen vier Wänden wohnen. Studien, die den Schwerpunkt auf sehr alte und stark pflegebedürftige Menschen legen, kommen zu anderen Ergebnissen.

So auch die Berliner Altersstudie, eine Langzeitbeobachtung, die vor allem die Ältesten im Fokus hat. Denis Gerstorf und Kollegen haben die Daten von über 400 Menschen analysiert, die während des Beobachtungszeitraums von zwölf Jahren verstorben waren. Sie stellten fest, dass die Kurve der Lebenszufriedenheit etwa vier Jahre vor dem Tod abknickt und dann unbarmherzig nach unten zeigt. Das langsame Abgleiten ins Unglück trifft Männer wie Frauen, Arme wie Reiche. Entscheidend ist zudem weniger das Alter der Untersuchten, sondern die Nähe des Todes. Auch die SOEP-Daten sowie amerikanische und britische Erhebungen zeigen die gleiche Korrelation: Etwa drei bis fünf Jahre vor dem Tod sinkt die Lebenszufriedenheit rapide.

Diese relativ neuen Erkenntnisse stellen Forscher wiederum vor Rätsel. Bei diesem Zusammenhang von Todesnähe und beginnendem Gram sind Ursache und Wirkung nur schwer zu unterscheiden. Sind kurz vor dem Tod Verluste, Einbußen und vielleicht sogar kognitive Abbauprozesse so groß, dass die Anpassung erlahmt oder an ihre Grenzen stößt? Versagen irgendwann die psychischen Regulationsmechanismen, sodass es Menschen nicht mehr gelingt, ihrem Leben positive Aspekte abzugewinnen und die Unzufriedenheit Oberhand gewinnt? Oder spielt auch der umgekehrte Mechanismus eine Rolle? "Denkbar ist auch, dass ein nachlassendes Wohlbefinden das Verhalten und sogar die Gesundheit negativ beeinflusst und so das Sterberisiko erhöht", sagt Gerstorf. Man weiß beispielsweise, dass sich pessimistische Patienten nach einem Herzinfarkt schlechter erholen als optimistische.

Damit bleibt auch ungeklärt, ob dieser Knick in der Lebenszufriedenheit vermieden oder wenigstens abgemildert werden kann. "Negative Ereignisse haben stärkere Auswirkungen auf das Wohlbefinden als positive. Möglicherweise kann bessere psychologische Betreuung bei schweren Verlusten einiges abfangen", sagt Gerstorf.

Doch letztlich bleiben viele Fragen über das hohe Alter offen, vielleicht auch, weil sich die Gesellschaft mit dem Ende des Lebens nicht wirklich auseinandersetzt. Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg, bedauert dies: "Das Thema Alter gehört eigentlich schon in die Schulen, in den Biologie-, Ethik- oder Philosophieunterricht." Er hält es für möglich, das Älterwerden ein Stück weit zu lernen. "Das Fundament für das Alter wird in früheren Lebensjahren gelegt. Wie gut es gelingt, hängt von den finanziellen, praktischen, geistigen und emotionalen Ressourcen ab." Doch abgesehen von der monetären Altersvorsorge verschwenden jüngere Menschen wenig Gedanken an den späten Lebensabschnitt.

Und so bleiben auch die Kräfte, die alte Menschen zumindest über einen langen Zeitraum haben, oft ungenutzt. "Alter heißt nicht nur versorgt zu werden. Alte Menschen können sehr oft auch hervorragend für andere sorgen: durch Erfahrungen und Wissen, durch seelische Stärke und Gelassenheit", sagt Kruse. Leider werde dies viel zu häufig übersehen.