Überschuldung "Du unterschreibst einen Pakt mit dem Teufel"

Schulden gehören fast schon zu Wuppertal wie die Schwebebahn.

(Foto: Imago Stock&People)

Es gibt kaum einen Ort in Deutschland, an dem Politik und Bürger so sehr mit Schulden zu kämpfen haben wie in Wuppertal. Die Geschichte einer jungen Frau zeigt, wie ein kleiner Kredit große Probleme machen kann.

Von Jannis Brühl, Wuppertal

Als es kalt wurde, merkte Anja Schneider, dass es so nicht weitergehen kann. "Zwei Paar Winterschuhe für Kinder kosten 100 Euro. Da dachte ich: Das bringt mich um." Sie hatte zwei Töchter, ihr Studium unterbrochen, sich von ihrem Mann getrennt - und stand allein mit ihrem Studentenkredit da. Besser gesagt: mit jenem Mutanten in Höhe von fast 17 000 Euro mit 15,89 Prozent Zinsen, zu dem ihr Studentenkredit mit Hilfe der Deutschen Bank zwischenzeitlich angewachsen war.

Das Leben von Schneider, die eigentlich anders heißt, war einigermaßen geplant. Schulden ließen es kippen. Nur mit Hilfe von außen kam sie wieder aus der Falle. Die Geschichte der 36-Jährigen spielt in Wuppertal, einer Stadt, in der Schulden zum Leben dazugehören wie an wenigen anderen Orten in Deutschland. Wer etwas über Schulden lernen will, fängt am besten hier an.

Es ist jetzt Herbst in der Stadt. Die Blätter am Ufer der Wupper nehmen das Rostbraun der Schwebebahn-Schiene an, die über den Fluss verläuft. Die Einwohner ärgern sich über Plakate von Düsseldorfer Einzelhändlern, die sich über die vermeintliche Tristesse der armen Nachbarstadt lustig machen: "Das Leben ist zu kurz, um langweilig shoppen zu gehen", steht da. Nach dem Schuldenatlas der Auskunftei Creditreform sind sechs Millionen Deutsche überschuldet. In der Rangliste deutscher Orte nach ihrem Bevölkerungsanteil überschuldeter Menschen schneidet Wuppertal auch in diesem Jahr mit am schlechtesten ab.

Auf den vorderen Plätzen finden sich nur bayerische Städte, weniger als fünf Prozent der Untersuchten sind dort überschuldet. In Wuppertal ist es fast jeder Fünfte - Tiefststand selbst im notorisch überschuldeten NRW. In Deutschland ist die Quote nur in Pirmasens, Offenbach und Bremerhaven schlechter.

Schneider sitzt in ihrem Wohnzimmer, die rot gefärbten Haare über dem Kopf zusammengebunden, und ist erleichtert. Im Juli bekam sie einen Brief von der Deutschen Bank mit dem langersehnten Satz: "Wir werden keine weiteren Schritte unternehmen." Die Bank erließ ihr die Hälfte der Schulden, den Rest streckte ihr Stiefvater vor.

Vorausgegangen waren sieben Jahre mit Schulden. Es begann, als Schneider nur noch eineinhalb Jahre von ihrem Abschluss als Bauingenieurin entfernt war. Um sich darauf konzentrieren zu können, wollte sie sich den Studentenjob in einem Briefzentrum sparen. Der dafür nötige Kredit ging mit einer dunklen Ahnung einher: "Du unterschreibst da einen Pakt mit dem Teufel." Anfangs lief alles: 500 Euro im Monat fürs Studium. Aber, zitiert Schneider Forrest Gump: "Das Leben is' 'ne Pralinenschachtel." Und in ihrer war einiges Unvorhergesehenes drin. Sie wurde schwanger. Ihr Mann machte sich selbständig. Sie wurde wieder schwanger. Sie stritten ums Geld. Er zog aus. Der Kredit lief weiter, wurde zum Privatkredit, der Zinssatz verdreifacht.

Schneider war bald auf Hartz IV angewiesen - und 221,12 Euro im Monat gehörten der Bank. "Wir haben teilweise zu dritt von fünf Euro am Tag gelebt. Ich habe dann oft nur Nudeln mit Butter gegessen."

Schulden dominieren in Wuppertal nicht nur die privaten Finanzen vieler Menschen. Die Stadt selbst hat fast zwei Milliarden Euro Miese, mehr als 5000 Euro pro Einwohner. Jährlich kommt ein hoher zweistelliger Millionenbetrag dazu. Nur wenige deutsche Städte stehen finanziell so schlecht da. Bis 2012 galt Nothaushaltsrecht, die Stadt musste sich Investitionen und Personalentscheidungen von der Bezirksregierung in Düsseldorf genehmigen lassen. Selbst die Operndiven in Wuppertal sind geliehen. Der Generalmusikdirektor schaffte vor kurzem das feste Ensemble ab, holt sich nun freie Sänger je nach Aufführung.

Der Bürgermeister gibt dem Bund die Schuld: Dessen Gesetze verursachten immer neue Kosten für die Kommunen. Gisela Deller sagt über ihre Stadt: "Hier geht einiges die Wupper runter. Also, im wörtlichen Sinn."

Gisela Deller berät seit 30 Jahren Schuldner.

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Bei der Sozialpädagogin Deller suchen Wuppertals überschuldete Menschen Hilfe. Sie macht seit 30 Jahren Schuldenberatung für die Diakonie. Die Hälfte der Menschen, die sie betreut, sind Hartz-IV-Empfänger. "Viele haben in guten Zeiten konsumiert, und dann kommt der Einbruch, etwa durch Arbeitslosigkeit", sagt die 60-Jährige. Immer mehr Rentner kämen zu ihr - der große Einbruch ist oft der Ruhestand.