Reden wir über Geld: Wolfgang Schmidbauer "Der Mensch ist zu schwach für den Kapitalismus"

Finanzielle Probleme treiben die Menschen in seine Praxis. Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer über Gier, Glück und die Frage, wie Geld Liebesbeziehungen zerstört.

Interview: Alina Fichter und Hannah Wilhelm

Wolfgang Schmidbauer, 69, öffnet die weiße Tür zu seiner Altbauwohnung in München-Schwabing, in der er auch seine psychoanalytische Praxis hat. Zurückhaltendes Lächeln, schlohweiße Haare, ausgebeultes Künstlerjackett - dieser Mann ist der bekannteste Paartherapeut Deutschlands. Seine 30 Bücher über Liebe, Ängste und das Helfersyndrom verkauften sich millionenfach. Der neueste Titel, "Das kalte Herz", handelt von der Macht des Geldes und dem Verlust der Gefühle. Zeit für ein Gespräch.

SZ: Herr Schmidbauer, reden wir über Geld. Welche Rolle spielt es in unserer Gesellschaft?

Schmidbauer: Geld ist das zentrale Mittel, Ängste in den Griff zu bekommen.

SZ: Wie bitte? Welche Ängste?

Schmidbauer: Uns stehen unendlich viele Möglichkeiten offen, das macht die Welt unüberschaubar. Traditionen sind verschwunden, auf nichts ist Verlass. Das verunsichert die Menschen zutiefst. Der Mensch ist zu schwach für Kapitalismus und Globalisierung.

SZ: Was hat das bitte schön mit Geld zu tun?

Schmidbauer: Die Menschen suchen darin Zuflucht: je mehr Geld, desto mehr gefühlte Sicherheit. Und je mehr Sicherheit, desto weniger Angst.

SZ: Wieso versuchen die Menschen nicht, in der Religion oder der Familie Halt zu finden?

Schmidbauer: Geld ist weniger kompliziert. Es hat keine Facetten, sondern verleiht allem einen Wert oder Nichtwert. Jedes Kind versteht das. Eben das macht Geld so überzeugend.

SZ: Dann jagen Menschen dem Geld gar nicht aus Gier hinterher - sondern aus Angst?

Schmidbauer: Genau. Hinzu kommt die Furcht, dumm dazustehen, wenn das Geld auf dem Sparbuch kaum Zinsen abwirft, während andere ihr Vermögen verdreifachen. Manche gehen dadurch zu hohe Risiken ein - und bleiben mit einer Depression auf der Strecke.

SZ: Kommen solche Menschen zu Ihnen in die Praxis?

Schmidbauer: Eine meiner Patientinnen hatte 60.000 Mark fürs Alter gespart. Ihr Nachbar, ein Anlageberater, drängte sie dazu, es an der Börse anzulegen. Nach fünf Jahren waren noch 4000 Mark übrig. Die Internetblase war geplatzt.

SZ: Sie hatte sich von den unendlichen Möglichkeiten verunsichern lassen ...

Schmidbauer: ... und von einem Verführten verführen lassen: Auch der Berater verlor viel Geld. Die Angst, eine günstige Gelegenheit zu verpassen, reicht in alle Lebensbereiche. Selbst in Liebesbeziehungen.

SZ: Geld ersetzt emotionale Bindungen, schreiben Sie.

Schmidbauer: Geld ermöglicht Herzlosigkeit. "Ich finde schon einen attraktiveren oder klügeren Partner", denken viele, trennen sich, finden dann aber keinen anderen Partner und werden depressiv. Geld erleichtert Trennungen, aber die Psyche hält sie einfach nicht aus. Die Sicherheit, die sich viele kaufen wollen, ist trügerisch. Nehmen wir ein Beispiel: Wenn jemand einen gut bezahlten Job annimmt, den er nicht gerne macht, gibt er sich einer Illusion hin. Der nämlich, irgendwann genug Geld zu haben, nicht mehr arbeiten zu müssen und so glücklich zu werden.

SZ: Wieso ist das eine Illusion?

Schmidbauer: Man gibt dafür die Lebensqualität auf, die in der Arbeit steckt und die viel wichtiger ist als das Geld. Irgendwann kann man nicht mehr zurück. Wer seine Entscheidungen einzig und allein am Geld ausrichtet, schadet der eigenen Psyche.