Mediziner: Einkommen Den Kassenpatienten sei Dank

Es müssen nicht immer Privatversicherte sein: Niedergelassene Ärzte mit Kassenpatienten erzielen ein höheres Einkommen als ein Oberarzt im Krankenhaus. Im Schnitt kommen sie auf eine gut sechsstellige Summe.

Von Guido Bohsem

Die Zahlungen aus der gesetzlichen Krankenkasse sichern den niedergelassenen Medizinern ein höheres Einkommen als von Ärzte-Funktionären veranschlagt. Nach einem Gutachten des auf Gesundheitsfragen spezialisierten IGES-Instituts erzielte jeder Inhaber einer Praxis 2007 einen durchschnittlichen Reinertrag von mindestens 108.420 Euro im Jahr. Diese Summe liegt etwa 2848 Euro über dem Wert, den die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Spitzenverband der Krankenkassen als Kalkulationsgrundlage für 2008 ansetzten.

Dabei wurde unterstellt, dass auch der freiberufliche Arzt mit eigener Praxis eine Art Mindestlohn erzielen soll, wenn er 51 Stunden in der Woche effizient und voll ausgelastet arbeitet. Dieser liegt laut Beschluss bei genau 105.571,80 Euro. Keine Rolle spielt dabei, ob er als relativ schlecht verdienender Allgemeinmediziner praktiziert oder als sehr gut verdienender Radiologe. Die Höhe des kalkulierten Ärzte-Lohns orientiert sich am Einkommen eines in einem Krankenhaus beschäftigten Oberarztes.

Bei anderen Berechnungs-Annahmen des Instituts vergrößerte sich der Abstand zwischen dem kalkulierten Arztlohn und dem tatsächlichen Reinertrag. In einer besonders großzügig ausgelegten Variante ergab sich sogar eine Differenz von etwa 13.900 Euro im Jahr. Unabhängig davon hat sich der Abstand durch die deutliche Steigerung der Arzthonorare laut IGES-Institut in den vergangenen drei Jahren weiter erhöht.

Auftraggeber der Studie ist der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen. Nach ihrer Ansicht ist damit erwiesen, dass die niedergelassenen Ärzte im Schnitt auch dann gut genug bezahlt werden, wenn sie nur Kassenpatienten behandeln. Bezieht man die Einnahmen aus der Privaten Krankenversicherung mit ein, so ergibt sich laut IGES-Studie ein Reinertrag, der 2007 je nach Fachrichtung und Ort zwischen 110.000 und 267.000 Euro schwankt, im Durchschnitt aber etwa 142.000 Euro betrug.

Dabei verdienen Radiologen und Nuklearmediziner im Schnitt doppelt so viel wie Hausärzte. Die Sachkosten für die Praxis und die Löhne für die Mitarbeiter sind dabei schon abgezogen. Vom Reinertrag gehen noch Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ab. Das Institut legte für seine Berechnungen Daten des Statistischen Bundesamtes zugrunde.

Der stellvertretende Vorstandschef des GKV-Spitzenverbandes, Johann-Magnus von Stackelberg, sagt, "das Gutachten zeigt, dass die niedergelassenen Ärzte von den Beitragszahlern der gesetzlichen Krankenkassen deutlich mehr Honorar erhalten, als es selbst die Kassenärztliche Bundesvereinigung als deren Interessenvertretung im Jahr 2007 für angemessen gehalten hat".

Ärzten reicht das nicht aus

Den Kassen sei nicht an einer Kürzung der Arzthonorare gelegen. Mit der reflexhaften Honorar-Erhöhung im Jahresrhythmus müsse aber endlich Schluss sein. Wenn man den auf dem Land tätigen Hausärzten mehr Geld geben möchte, dann muss man innerhalb der Ärzteschaft umschichten.

Die schwarz-gelbe Koalition berät derzeit im Rahmen des Versorgungsgesetzes über eine neue Honorarverteilung in der Ärzteschaft. Zudem sollen höhere Honorare für Landärzte den Anreiz steigern, eine Praxis in unterversorgten Gebieten zu eröffnen. Die jüngste Reform war 2009 in Kraft getreten und hatte trotz einer deutlichen Ausgabensteigerung der Krankenkassen zu großen Protesten unter der Ärzteschaft geführt. Nach Berechnungen der Kassen beträgt der Reinertrag pro Praxis im Durchschnitt rund 164.000 Euro. Die Ärzteschaft ist jedoch der Meinung, dass damit die jahrelange Deckelung ihrer Honorare bei weitem nicht ausgeglichen worden ist.

In der Kassenärztlichen Bundesvereinigung wollte man die Studie des IGES-Instituts nicht kommentieren. Man wies darauf hin, dass es sich beim kalkulierten Arztlohn von 105.000 Euro keineswegs um einen Zielwert gehandelt habe, sondern nur um eine von mehreren Orientierungsgrößen. Der KBV-Vorstandschef Andreas Köhler sagte der Frankfurter Allgemeinen, lange Wartezeiten, übervolle Wartezimmer und der Ärztemangel bewiesen, dass "Krankenkassen und Ärzte alles daran setzen müssten, den Arztberuf attraktiver zu gestalten".

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