Geldanlage Ein Tüvchen für die Finanzindustrie

Die Banken sind fleißig: Knapp 9000 Produkte werfen die Finanzinstitute jeden Tag in Deutschland neu auf den Markt. Nun will die Bundesregierung anderthalb Millionen Euro spendieren, damit die Stiftung Warentest das Produktchaos etwas übersichtlicher macht. Dummerweise kommt sie mit dieser Summe nicht weit.

Ein Kommentar von Hans von der Hagen

Wer erwägt, eine Bank aufzusuchen, um sein Geld anzulegen, sollte an Paul Volcker denken. Der große alte Mann des Geldes bündelte seine Erfahrung als US-Notenbank-Chef und Präsidentenberater in dem Satz, die einzig sinnvolle Innovation der Finanzindustrie in den vergangenen Jahrzehnten sei der Geldautomat gewesen.

Damit unterstellte er den Banken nicht etwa Trägheit. Wie auch? Tag für Tag fluten die Geldinstitute den Finanzmarkt mit neuen Angeboten wie Zertifikaten oder Fonds. Allein im Januar kamen täglich knapp 9000 Produkte hinzu. Das sind zwar nicht alles "Innovationen", sondern oft nur Papiere, die sich in winzigen Details unterscheiden oder auslaufende Anlagen ersetzen. Dennoch summiert sich die Zahl der an der Börse notierten Produkte mittlerweile auf knapp 840.000.

Was Volcker meint: Auf die meisten dieser Anlagevehikel könnten die Kunden gut verzichten. Wenn immer der Verkäufer in der Bank, der sogenannte Berater, loslegt und die tollsten, innovativsten Anlagen empfiehlt, gilt: Großartig ist das alles nur für die Bank.

Es ist eben ein verhängnisvoller Irrtum, anzunehmen, dass die Finanzinstitute mit einem Produkt, in dessen Entwicklung und Vermarktung viel Geld geflossen ist, einen geldwerten Vorteil bieten könnten, etwa: bei gleichem Risiko eine höhere Rendite.

Der eherne Grundsatz der Finanzmärkte gilt immer: Wer mehr Rendite möchte, muss dafür höhere Risiken eingehen. Da mag man sich als Kunde noch so gerne dem Gedanken hingeben, es könnte bei dem gerade mit vertrauensvollem Lächeln angeboten Papier einmal anders sein.

Transparenz? Bloß nicht!

Die Innovationsfreude der Finanzindustrie mutet zunächst verwunderlich an, weil das Produktportfolio einer Bank doch an sich überschaubar ist. Da gibt es auf der Anlageseite die vergleichsweise sichere Spareinlage sowie das riskante Investment an der Börse in seinen unterschiedlichen Spielarten.

Doch nichts ist für die Banken unangenehmer als ein einfaches, transparentes Angebot, das noch dazu nur belegen würde, wie austauschbar die Produkte aller Institute sind. Darum werden die gleichen Elemente immer wieder anders zusammengeschraubt. Und weil sich in den zahllosen Anlagevarianten Kosten und Risiken kaschieren lassen, wird auch prächtig Geld verdient.

Noch schöner: Dem Kunden kann eine Investmentidee, "eine Story", angedreht werden, mit der sich "der Markt schlagen" lasse - eine Wachstumsvision in Fernost etwa oder der Energienotstand der Welt. Und da jedes Institut sein Produkt etwas anders zusammensetzt, ist ein Vergleich kaum noch möglich.

Nun gibt es einen neuen Vorstoß der Bundesregierung, das leidige Problem Finanzprodukte anzugehen. Zu offensichtlich ist, dass die Kunden nirgends durchblicken und zu viel Geld verlieren. Die Stiftung Warentest soll darum für die Prüfung von Finanzprodukten zusätzlich jährlich 1,5 Millionen Euro bekommen.

Keine Frage: Die Stiftung Warentest, die schon jetzt mit ihrem Magazin Finanztest eine Hilfestellung in Geldanlagefragen bietet, genießt großes Vertrauen bei den Verbrauchern. Wenn sie ihre Arbeit ausbaut, kommt das gut an.

Mit 1,5 Millionen Euro wird sie allerdings in dem grotesken Dickicht der Finanzprodukte nicht weit kommen, sondern muss sich auf wenige Aspekte beschränken. Entsprechend bescheiden gibt sich denn auch die Stiftung in einer ersten Stellungnahme: Sie wolle lediglich klarmachen, was für den Verbraucher, der sicher anlegen will, das Richtige ist, heißt es demütig beim Vorstand, der aus den Tagesthemen von der Zuwendung der Bundesregierung erfuhr. Der Finanz-Tüv bleibt also eher ein Tüvchen.

Dabei könnten die Bankkunden eine größer gedachte, unabhängige Prüfinstanz gut gebrauchen. Zwar ist es schon ein Fortschritt, dass die Banken ihren Kunden seit einiger Zeit eine Art Beipackzettel aushändigen müssen, anhand derer die Risiken eines Wertpapiers deutlich werden sollen. Doch diese Produktinformationen sind bislang kaum vergleichbar und noch dazu für unerfahrene Kunden schwer verständlich. Der Konsument in Deutschland liest eben am liebsten Bewertungen, die in einer Schulnote zusammengefasst sind. So kennt er das von seiner Stiftung Warentest und so wünscht er es auch bei Finanzprodukten.

Der jüngste Kabinettsbeschluss signalisiert, dass die Verbraucher das vielleicht für einige Finanzprodukte auch irgendwann einmal bekommen werden. Doch die große Lösung ist das nicht. Schade, dass die Bundesregierung, die zuletzt viele Milliarden Euro für das Innovationsdesaster der Finanzindustrie aufgewendet hat, nicht entschlossener vorgegangen ist.