Dispokredit und Überziehungszinsen Schock am Monatsende

Nur jeder fünfte Kunde mit Dispokredit überzieht sein Girokonto, nur jeder 25. reißt dabei den Kreditrahmen. Die Vorsicht ist berechtigt - wegen der horrenden Zinsen. Die Gefahr liegt oft im Kleingedruckten.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Der Dispokredit ist für viele Bankkunden der bequemste Weg, immer flüssig zu bleiben. Ist das Guthaben auf dem Girokonto vor Ende des Monats aufgebraucht, erlaubt die Bank meistens, das Konto bis zum Dreifachen des Gehalts oder der Rentenzahlung zu überziehen. Nur die zum Teil hohen Zinsen für den kurzfristigen Kleinkredit können diese kleine Freude des Alltags trüben.

Die roten Zahlen auf allen privaten Lohn-, Gehalts-, Renten- und Pensionskonten belaufen sich nach Angaben der Bundesbank derzeit auf zwölf Milliarden Euro - ein schier unerschöpfliches Einnahmereservoir für die Kreditinstitute. Doch viele Bankkunden passen offenbar gut auf, diese Geldquelle für die Banken nicht noch mehr sprudeln zu lassen. Das zeigt eine neue Untersuchung der FMH-Finanzberatung in Frankfurt und des Düsseldorfer Finanzexperten Udo Keßler, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

"Gewollte Intransparenz"

FMH und Keßler befragten 28 Institute, darunter zahlreiche namhafte Geschäfts- und Direktbanken sowie einige große Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Das überraschende Ergebnis: Nur knapp jeder fünfte Kunde, der über einen Dispokredit verfügt, nimmt das Angebot überhaupt in Anspruch - und das eher in bescheidenem Umfang. Ist das Girokonto überzogen, beläuft sich bei ihnen das Minus im Zwölf-Monats-Schnitt auf 1043 Euro. Diszipliniert ist die große Mehrheit der Bankkunden auch beim Einhalten des Kreditrahmens: 96 Prozent wagen es nicht, den von der Bank vorgegebenen Spielraum zu überschreiten. Nur jeder 25. Dispo-Nutzer verschuldet sich über die Obergrenze hinaus und nimmt dafür die meist üppigen Zinszuschläge in Kauf. Im Schnitt wird das Limit laut der Studie aber nur um 207 Euro überzogen.

Die Vorsicht der Verbraucher ist berechtigt: Die Fallen, das belegt auch diese Studie, liegen wie so oft im Kleingedruckten. "Bei manchen Geldhäusern muss man leider von einer gewollten Intransparenz sprechen", kritisiert Keßler.

Der Finanzexperte, der früher selbst bei der Verbraucherzentrale NRW gearbeitet hat, bildete auf Basis der Umfrage-Ergebnisse zwei Musterfälle. Im ersten Fall geht es um eine Familie mit einem Nettoeinkommen von 3100 Euro im Monat. Das entspricht laut Statistischem Bundesamt in etwa dem Durchschnitts-Nettoeinkommen der deutschen Haushalte. Die Musterfamilie schöpft ihren Dispo von 9300 Euro (drei Nettogehälter) 20 Tage pro Monat mit dem ermittelten Durchschnittswert von 1043 Euro aus. Am wenigsten zahlt sie bei der Deutschen Skatbank. Diese Direktbank ohne Filialen verlangt dafür lediglich 34 Euro fürs ganze Jahr hochgerechnet. Fast das Dreifache kostet das Überziehen in dieser Höhe auf dem Komfortkonto der Targobank, der früheren Citibank. Hier wurden gleich 90 Euro fällig. Knapp darunter liegen die Großbanken mit Zinskosten von um die 80 Euro.

Illustration: Stefan Dimitrov/SZ

Die Targobank wirbt mit einer kostenlosen "Dispo-Freigrenze für ein entspanntes Monatsende". Sie solle "ein komfortabler, kostenloser Puffer" sein, "wenn es auf dem Konto einmal eng wird". Dieser Puffer entpuppe sich tatsächlich allerdings "häufig als Luftnummer", sagt Keßler. Denn je nach gewähltem Girokonto sind nur für die ersten 50, 100 oder 200 Euro keine Dispozinsen zu zahlen. Wird diese Grenze wie bei der Modellfamilie um nur einen Euro überschritten, verpufft der Puffer. Hinzu kommt: Die Zinssätze für die Dispokredite versteckt die Bank auf ihrer Homepage im Preis- und Leistungsverzeichnis. Bei den Konditionen für die Girokonten sucht der Kunde vergeblich.