Digitalisierung Alle wissen alles

Die elektronische Planung macht das Bauen transparenter. Mit den Neuerungen sind große Erwartungen, aber auch Ängste verbunden. Architekten befürchten den Verlust von Kreativität, Unternehmer zusätzliche Kosten.

Von Ingrid Weidner

Es klingt wie ein schönes Versprechen. Mit "Building Information Modeling", kurz BIM, hätten sich die Pannen am Berliner Flughafen vermeiden lassen. Wären die Planungssoftware dort genutzt und alle Pläne sowie Änderungen in einem digitalen Modell des Gebäudes eingefügt worden, dann flögen dort heute Flugzeuge, und der Hauptstadt wäre viel Spott erspart geblieben.

Doch hierzulande beginnt sich die Baubranche erst langsam für die digitale Gebäudedatenmodellierung zu interessieren. "Die Baubranche hinkt bei der Digitalisierung noch hinterher", stellt auch Andreas Eisele, Präsident des Bundesverbands Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen Bayern (BFW) selbstkritisch fest. Doch inzwischen reden die Akteure zumindest intensiv über Nutzen und Bedenken. Das Leonhard Obermeyer Center (LOC) der Technischen Universität München lud Architekten und Bauherren vor einiger Zeit zu einem Workshop ein, und auch dort führte kein Weg an BIM vorbei. Deutschland habe Nachholbedarf, in England sei man bereits 2010 auf dem gleichen Stand gewesen, auf dem sich Deutschland heute befinde, merkte Ilka May vom neu gegründeten Interessenverband "Planen-Bauen 4.0"‟ an.

Was ist BIM, und welche Vorteile bringt es den Akteuren in der Baubranche? "Building Information Modeling" ist ein digitales Planungsinstrument, auf das idealerweise alle am Bau beteiligten Unternehmen Zugriff haben. Visualisierungen wie 3-D-Ansichten oder Schnitte sind integriert. Verändert der Architekt beispielsweise den Grundriss, versetzt Mauern oder vergrößert die Fenster, berechnet die Software, was nun an Baumaterial benötigt wird. Das allein können auch herkömmliche Tools, doch das Besondere an BIM ist, dass alle am Bau beteiligten Gewerke Zugriff auf diese Informationen erhalten und so immer über aktuelle, digitale Pläne verfügen können.

Heute funktionieren viele Großbaustellen noch ziemlich archaisch. Ein Architekt zeichnet einen Plan, überträgt seine Ideen in eine CAD-Version und bespricht diese mit dem Bauherrn. Gefällt es dem Auftraggeber, schreibt er oder ein Generalunternehmer die Arbeiten aus. Alle am Bau beteiligten Akteure erhalten Pläne, jeder errechnet seinen Materialverbrauch individuell. Doch Veränderungen während des Baus sind selbst bei einem simplen Einfamilienhaus die Regel. Leider greift die Zusammenarbeit nicht immer wie Zahnräder ineinander, der Elektriker weiß zum Beispiel oft nicht, wenn Maurer die Wände anders setzen und die Leitungen an anderer Stelle verlaufen sollen. Heute bedeutet das oft, dass viele Materialien neu bestellt werden müssen, weil jedes Gewerk mit eigenen Plänen arbeitet. Die Kosten steigen, der Zeitplan gerät ins Wanken.

Was ist BIM?

Sein einigen Jahren nutzen Planer das sogenannte "Building Information Modeling‟, kurz BIM, als digitales Planungsinstrument. Visualisierungen wie 3-D-Ansichten oder Schnitte sind ebenso möglich wie Berechnungen, wie sich bauliche Veränderungen der Pläne auf den Materialverbrauch auswirken. Auch in Deutschland werden mittlerweile immer mehr Projekte digital geplant.

Dass die deutsche Baubranche ziemlich hinterherhinkt, belegt auch eine aktuelle Studie von Roland Berger. Das Beratungsunternehmen befragte Bauunternehmer und Bauzulieferer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nur sechs Prozent von ihnen nutzen durchgehend digitale Planungsinstrumente. Das wirkt sich nachteilig auf die Produktivität der Baubranche aus, die nach Angaben der Berater in den vergangenen zehn Jahren nur um bescheidene vier Prozent stieg. In der gesamten deutschen Wirtschaft verbesserte sie sich um elf Prozent, das verarbeitende Gewerbe steigerte seine Produktivität sogar um 34 Prozent.

Schlagworte wie Industrie 4.0 und Digitalisierung dominieren dort die Diskussion, während sich die Baubranche nur zögerlich dem Thema widmet. Doch die Politik versucht, mit Vorgaben das Tempo zu erhöhen, denn bis zum Jahr 2020 soll auch die Genehmigung eines Bauprojekts elektronisch möglich sein.

Zumindest in München müssen Bauanträge noch auf Papier eingereicht werden. Zwar lassen sich viele Formulare bereits elektronisch abrufen, doch abgegeben werden die Pläne immer noch in Papierform. Doch die Münchner Lokalbaukommission arbeitet schon an einer digitalen Version. Im Laufe der kommenden Jahre sollen Standardeinreichungen für Bauvorhaben in digitaler Form möglich sein, wie ein Sprecher des Planungsreferats sagte.

Ein einheitlicher, immer aktueller elektronisch verfügbarer Plan, der alle Änderungen enthält und auf den alle Beteiligten zugreifen können, klingt wie eine überfällige Neuerung. Trotzdem befürchten manche Architekten, ihre individuelle Schaffenskraft könnte eingeschränkt werden. Daniel Mondino von Core Architecture aus Hamburg setzt die digitale Planung in seinem Büro bereits ein. "Die Digitalisierung wird die Kreativität nicht angreifen oder überflüssig machen", sagt der Architekt und zerstreut damit Bedenken seiner Berufskollegen. Das von Verkehrsminister Alexander Dobrindt ausgerufene Ziel, bis 2020 Projekte digital zu planen, hält er für machbar: "Bei Architekten gibt es noch viel Skepsis. Doch die Informationen zu vernetzen, visualisieren und plausibler darzustellen, bringt Vorteile."

Immer mehr Bauunternehmen profitieren von der digitalen Technik - wer mit der Zeit geht, erhöht die Produktivität.

(Foto: Ojo Images/F1 ONLINE)

Auch große Immobilieneigentümer und Bauherren zögern in Deutschland noch, BIM als Chance zu begreifen. Offen darüber sprechen möchten die wenigsten, doch einige befürchten, dass manchen Hilfsarbeitern auf dem Bau das Wissen und die Sprachkenntnisse fehlen, mit elektronischen Plänen umzugehen. Gerne wird dann das Klischee des rumänischen Poliers bemüht, der mit einem abgebrochenen Metermaß nachmisst und mit "passt scho"‟ auf Kritik reagiert. Teurer könnte es anfangs aber durchaus werden, denn Auftragnehmer müssen ihr Personal schulen, damit es die schönen neuen Tools auch anwenden kann.

Fürsprecher vergleichen die Digitalisierung mit einer Lebensversicherung für Bauträger. Zwar war die Häme über den Berliner Großflughafen auch in Fachkreisen groß, doch so mancher Bauunternehmer schleppt ähnlich schwierige Projekte mit sich herum und hofft, dass irgendwie alles gutgehen möge. Wären die Pläne des Berliner Flughafens transparent gewesen, wäre auch früher gehandelt worden, glauben deshalb viele Experten.

Alle Änderungen sind immer für alle sichtbar, jeder kann Fehler schnell erkennen

Transparenz zählt zu den wichtigen Versprechen der Digitalisierung. Und das könnte selbst Skeptiker von den Vorteilen eines digitales Gebäudemodells überzeugen: Alle Änderungen sind immer für alle sichtbar, jeder kann darauf zugreifen und Fehler schnell erkennen. Heute arbeiten viele Gewerke nebeneinander, und Pannen zeigen sich oft erst spät. Anschließend streiten Anwälte miteinander und klären die Schuldfrage. Mit BIM würden Mängel schneller erkannt und behoben, davon ist Architekt Mondino überzeugt. "Fehler sind dann nur noch eine Arbeitsanweisung." Auch das spätere Gebäude-Management und Versicherer profitierten von BIM, denn Pläne des tatsächlich gebauten Objekts erleichtern den Betrieb.

Eigentlich bringt die Digitalisierung der Baubranche nur Vorteile, so sehen es zumindest ihre Fürsprecher. Ob BIM aber die heute verfahrene Situation am Berliner Flughafen noch entwirren kann - hier wagen selbst Berufsoptimisten keine Prognose.