Australien Willkommen in Perth

Gelungene Stadtentwicklung in Perth: Die nach dem australischen Historiker Geoffrey Bolton benannte Avenue ist autofrei und kommt gut an.

(Foto: MRA)

Die stark wachsende Stadt braucht Wohnraum. Der entsteht derzeit im neuen Viertel Elizabeth Quay. Von dem Großprojekt profitieren auch Menschen mit niedrigen Einkommen - und Touristen.

Von Ingrid Brunner

Man trifft Vanessa Tonich am Spanda, einem modernen, knapp dreißig Meter hohen Kunstwerk in Form von konzentrischen weißen Ovalen. Wer hier auf der autofreien Promenade der Geoffrey Bolton Avenue entlangspaziert, sieht Bootsanleger, eine Eisdiele, ein Karussell, einen interaktiven Wasserpark. Kinder, Mütter mit Buggys, Radfahrer, Menschen, die von der Mittagspause zurück in Bürohochhäuser schlendern. Man hat Mühe, sich vorzustellen, dass die belebte Gegend bis vor eineinhalb Jahren eine vernachlässigte Meidezone war.

Doch so war es: "Dreißig Jahre wurde gestritten und debattiert, was mit dem Gelände geschehen sollte", erzählt Tonich. Zehn Hektar ungenutzte Brachfläche in Innenstadtlage, direkt am Wasser, eigentlich ein Filetstück. Dann nahm die Geschichte eine Wendung. Sie erzählt von gelungener Stadtentwicklung mit fristgerechter Fertigstellung und ohne Budgetüberziehung. Es geht um das neu entstehende Viertel Elizabeth Quay in Westaustraliens dynamisch wachsender Hauptstadt Perth. Die zwei Millionen Einwohner zählende Stadt, die vor allem dank der Rohstoffe in Westaustraliens Boden reich geworden ist, hat Probleme wie jede andere schnell wachsende Metropole: Sie braucht dringend neuen Wohnraum. Und um die Menschen vom Umland in die Stadt zu locken, müssen Städte zudem Lebensqualität, soziale Treffpunkte, Ruhezonen und Erholungsflächen bieten.

Der Staat half bei der Finanzierung - gut angelegtes Geld

All das sowie Geschäfte, Bars, Restaurants und Büroflächen soll das neue Viertel in sich vereinigen. Nach jahrzehntelangem Treten auf der Stelle gründete die Regierung Westaustraliens im Jahr 2011 eine städtische Entwicklungsgesellschaft, die Metropolitan Redevelopment Authority - kurz MRA. Sie stattete die MRA mit einem Startkapital von 440 Millionen Australischen Dollar (etwa 280 Millionen Euro) aus, definierte die Ziele des Projekts und den Fertigstellungstermin.

Baubeginn war 2012, der erste Bauabschnitt wurde im Januar 2016 eröffnet. Vanessa Tonich ist bei MRA als Media Manager für die Pressearbeit zuständig. Sie glaubt, dass das Projekt deshalb so problemlos funktioniert, weil die MRA unabhängig vom politischen Tagesgeschehen agieren kann.

Das neue Stadtviertel hat den Swan River, berühmt für seine Kolonie schwarzer Schwäne, in die Mitte der Stadt gerückt und zum sozialen Treffpunkt am Wasser gemacht: Einer von zwei neuen Glastürmen steht schon, ein zweiter ist in Bau. In den unteren Stockwerken sind Restaurants und Bars, in den oberen Etagen Büros und Wohnungen untergebracht. Die Regierung machte zur Bedingung, dass zwölf Prozent der Wohnungen für Menschen mit niedrigen Einkommen zur Verfügung stehen.

Eine elegant geschwungene Hängebrücke verbindet die kleine vorgelagerte Insel Isle of Voyage mit der Stadt. Auf dieser Insel befindet sich ein riesiger Spielplatz und das gefragte Restaurant Isle of Voyage. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde Stein für Stein in der Altstadt Perths abgetragen und auf der Insel wieder aufgebaut. Besucher blicken auf die Hochhaustürme des Central Business Districts CBD, im Westen auf einem Hügel sieht man den King's Park. "Die Bepflanzung der Insel und des gesamten Quartiers ist eine Replik auf den Botanischen Garten im King's Park", erklärt Vanessa Tonich, dort hat man die gesamte Flora Westaustraliens zusammengetragen.

Auf der Insel steht auch eine gigantische Skulptur mit dem Titel "First Contact", gefertigt von Laurel Nannup, einem Aborigines-Künstler: Ein riesiger Vogel mit ausgebreiteten Flügeln steht da in einem Boot. Es ist der Ort, an dem die Ureinwohner die ersten englischen Schiffe mit Kapitän James Stirling an Bord den Fluss heraufsegeln sahen. Sie hielten die Engländer für ihre heimkehrenden Ahnen, so wie es ihnen in einer Traumgeschichte verheißen wurde. Ein tragischer Irrtum, wie sich später herausstellte.

Die Stadtbewohner wurden in das Vorhaben einbezogen. Die Resonanz war riesig, hieß es

Von der Isle of Voyage blickt man auch auf zwei große Grünflächen. Dort, wo sich jetzt in den Morgenstunden Menschen zum Tai-Chi treffen, werden zwei weitere Hochhäuser errichtet. Das erste Ritz-Carlton-Hotel Australiens, erklärt Tonich stolz, und ein weiterer Büro- und Apartmentturm. Sicher, räumt sie ein, aktuell werde auch in Melbourne ein Ritz Carlton gebaut, es solle sogar das größte Luxushotel Australiens werden. Doch immerhin: Das erste Ritz Australiens stehe dann in Perth.

Wenn das Projekt abgeschlossen ist, soll es in Elizabeth Quay 800 neue Wohnungen für 1400 neue Bewohner geben, dazu 400 neue Hotelzimmer und 225 000 Quadratmeter Gewerbeflächen. Bei einem Investitionsvolumen von 2,2 Milliarden Australischen Dollar waren die 440 Millionen Anschubfinanzierung durch den Staat gut angelegtes Geld. Und durch die Vermarktung der Grundstücke habe man bereits 300 Millionen Australische Dollar (etwa 191 Millionen Euro) an Einnahmen erzielt, erklärt Tonich. Auch Sponsoren gaben Geld: Die interaktive Wasserinstallation, die eine Traumgeschichte nacherzählt und in der Nacht bunt erleuchtet ist, hat beispielsweise die Minengesellschaft BHP bezahlt.

Es habe sich bewährt, erzählt Tonich, bei Großprojekten immer zuerst etwas für die Stadtbewohner zu tun. Das erhöhe die Akzeptanz in der Bevölkerung für derlei Vorhaben. "Die Resonanz war riesig", erzählt Tonich. In den ersten drei Wochen nach der offiziellen Eröffnung des ersten Bauabschnitts am 31. Januar 2016 kamen eine Million Besucher. Mittlerweile hat sich der Ansturm ein wenig beruhigt.

Elizabeth Quay ist nur eines von mehreren Projekten, welches die MRA in Perth und Umgebung realisiert oder bereits erfolgreich abgeschlossen hat. Man setzt stets auf Bürgerbeteiligung, anspruchsvolle Architektur und sucht eine typisch australische Handschrift, indem man heimische Künstler einbezieht. Das zeigt sich auch beim kürzlich vollendeten Projekt City Link. Das neu bebaute Areal verbindet nun das Ausgehviertel Northbridge, den Hauptbahnhof von Perth und die Innenstadt miteinander. Herzstück des City Links ist der Yagan Square, ein riesiger, auf Stelzen gebauter Platz, mit kleinen Seen, Wasserläufen und freien Zonen zum Essen, Sitzen und Ausruhen. Darunter liegen neue Restaurants und die Bahngleise. Der Platz ist benannt nach einem berühmten Krieger der Ureinwohner und wird überragt von einer großen rostroten Metallstatue, die Yagan symbolisiert. Ein beliebter Treffpunkt direkt am Bahnhof, der in anderen Städten meist eine wenig einladende Gegend ist.