Altersvorsorge "Riester-Rente ist wie Lotto"

Die private Altersvorsorge kostet zu viel, kritisiert Deutschlands oberster Verbraucherschützer Gerd Billen. Er will stattdessen einen staatlichen Fonds - um die Branche unter Druck zu setzen.

Interview: Simone Boehringer

Viele der fast 13 Millionen Riester-Verträge sind zu teuer und intransparent, moniert Gerd Billen. Der Chef des Verbraucherzentrale-Bundesverbands fordert eine Reform der privaten Altersvorsorge. Die meisten Vorsorgeprodukte seien zu unflexibel für die wechselhaften Karrieren der Menschen, besser seien flexible Vorsorgekonten für Arbeitnehmer, die sie bei den häufiger werdenden Jobwechseln mitnehmen können.

SZ: Herr Billen, der Verbraucherzentrale-Bundesverband hat eine Studie vorgelegt, die das System der Altersvorsorge in Deutschland in Frage stellt. Sie vergleichen den Abschluss eines Riester-Vertrages mit einem Lotteriespiel.

Gerd Billen: In dem Gutachten zeigt sich, dass die Angebote zur staatlich gestützten Zusatzrente, im Volksmund Riester-Rente, die wachsende Vorsorgelücke nicht schließen können. Zum einen hat bislang maximal die Hälfte der Förderberechtigten einen Vertrag abgeschlossen, zum anderen erhalten nur 60 Prozent den maximalen Förderbetrag vom Staat. Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner hat zudem vorgerechnet, dass Anleger mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr verlieren, weil ihnen ineffiziente Finanzprodukte verkauft werden. Viele Riester-Renten sind teurer als herkömmliche kapitalgedeckte Produkte. Das heißt, die Zuschüsse werden von Anbietern zum Teil in Provisionen umgemünzt statt in Anlageerfolg.

SZ: Was konkret muss sich ändern?

Billen: Die Produkte müssen transparent werden hinsichtlich der Kosten, der Chancen und Risiken. Dazu muss das derzeit freiwillige Produktinformationsblatt der Banken verbindlich werden. Die Banken sind durch die Krise unter Druck geraten, auf die Qualität der Beratung hat sich dies aber kaum ausgewirkt. Dabei haben viele Menschen inzwischen begriffen, dass Bankmitarbeiter oft in erster Linie Verkäufer sind und keine unabhängigen Berater. Trotzdem halten viele Institute an ihren Provisionsmodellen und intransparenten Produkten fest.

SZ: Es gibt ja auch Alternativmodelle, etwa das der Honorarberatung - allerdings bislang mit mäßigem Erfolg.

Billen: In der Tat liegen die Marktanteile für Honorarberatung in Deutschland bei nicht einmal zwei Prozent. Aber das muss nicht so bleiben, wenn die Banken endlich bereit sind, ihre Kosten aufzudecken. Selbst bei den staatlich geförderten Riester-Produkten fehlt bei 40 Prozent der Angebote die genaue Angabe zu den Kosten, und zwar in Euro, nicht in Prozent zu irgendeinem später angesparten Betrag. Wenn die Verbraucher flächendeckend die Provisionen mit den Honorarsätzen von Beratern vergleichen könnten, würden sie sich sicher öfter für Honorarberatung entscheiden.

SZ: In der Krise zeigt sich, dass viele Menschen nicht mehr in der Lage sind, Geld anzusparen. Viele senken ihre Beiträge zur Altersvorsorge, wohl wissend, dass die staatliche Rente nicht reicht.

Billen: Die Entwicklung macht uns große Sorgen. Aber viele Menschen kennen ihre Lücke gar nicht. Hier besser und systematisch zu beraten, erwarte ich von einem guten Vorsorgeberater. Zudem haben die Anbieter, und das ist eine Kritik vor allem der Versicherer, offensichtlich nicht realisiert, dass ihre Produkte die Lebenswirklichkeit nicht widerspiegeln.

SZ: Wie meinen Sie das?

Billen: Es gibt kaum mehr 40-jährige Erwerbsbiografien mit gesicherten Arbeitsplätzen. Die Menschen müssen sich darauf einstellen, öfters den Arbeitgeber zu wechseln, eine Zeitlang selbständig zu arbeiten oder mal arbeitslos zu sein. Viele Produkte, etwa der betrieblichen Altersvorsorge sowie die meisten Lebensversicherungen, gehen darauf gar nicht ein. Unstete Lebensläufe werden oft mit Abschlägen bei der Leistung bestraft.

SZ: Vor diesem Hintergrund ergeben dann aber auch viele der staatlich geförderten Riester- und Rürup-Produkte keinen Sinn mehr, oder?

Billen: Sie sind in jedem Fall zu unflexibel. Wenn man nicht lange genug bei einer Firma war, verliert man seine Ansprüche auf eine Betriebsrente aus diesem Betrieb meistens. Besser wären die Arbeitnehmer dran mit kapitalbildenden Konten, bei denen sie Beiträge an ihrem jeweiligen Verdienst und der Lebenssituation flexibel ausrichten könnten.

Auf der nächsten Seite: Verbraucherschützer Gerd Billen über eine mögliche Inflation und internationale Vorbilder für die private Altersvorsorge.