Geheimdokumente Rätsel um Hacker-Angriff auf Wikileaks

Kurz vor der Veröffentlichung der geheimen US-Botschaftsdepeschen griffen Hacker Wikileaks an. Die Suche nach den Verantwortlichen dürfte sich schwierig gestalten.

Von Johannes Kuhn

Am frühen Sonntagabend, als die Publikation von mehr als 250.000 Dokumenten aus dem US-Außenministerium bevorstand, meldeten sich die Verantwortlichen der Enthüllungsplattform Wikileaks per Twitter zu Wort: "Wir befinden uns derzeit unter einer massiven Denial-of-Service-Attacke", schrieben sie.

Interaktiver Zeitstrahl zu Wikileaks Zwischen Enthüllung und Eklat

Ein solcher Angriff dient dazu, eine Internetseiten lahmzulegen: Von vielen unterschiedlichen Computern werden sekündlich mehrere Anfragen an die Server einer Internetpräsenz geschickt, wodurch diese wegen Überlastung abstürzen.

Auch die Attacke auf Wikileaks war erfolgreich - allerdings war die Seite offenbar nur für einen kurzen Zeitraum offline. Selbst ein Zusammenbruch, so ließ das Team um den Plattform-Gründer Julian Assange via Twitter wissen, würde die Veröffentlichung nicht stoppen: Wie stets bei prestigeträchtigen Projekten hatte Wikileaks prominente Medienpartner wie die New York Times, El Pais, den Spiegel oder den Guardian mit ins Boot geholt.

Zahlreiche Stimmen im Netz vermuten eine gezielte Störung der US-Regierung oder der Geheimdienste hinter dem Angriff. Das Land gilt neben China als am besten ausgestattete Nation, wenn es um Kriegsführung im Internet geht.

Doch Denial-of-Service-Attacken sind sowieso nicht besonders kompliziert: Die Angriffe gehen meist von Rechnern aus, die über Schadsoftware gekapert wurden und sich auf Knopfdruck und ohne Wissen der Besitzer übernehmen lassen. Solche Botnetze genannte Computerarmeen werden jeden Tag von Internet-Kriminellen auf dem Schwarzmarkt zur Miete angeboten.

"Es könnte jemand sein, der über die Informationen verärgert ist", sagte deshalb auch der IT-Sicherheitsexperte Barrett Lyon der kanadischen Zeitung National Post, "vielleicht die Regierung, oder jemand der eine Agenda hat, die Seite zum Absturz zu bringen. Es könnte sogar einfach ein Typ in Kansas sein, der sich aufregt und seine Regierung schützen möchte." Programm-Scripte für solche Attacken sind überall im Netz herunterladbar.

Der Urheber der Attacke wird also nie zweifelsfrei festzustellen sein - und so ist in Internet-Kommentaren auch Skepsis zu lesen, ob die USA wirklich mit einer solch amateurhaften Attacke Zeit zu schinden versuchten. Über Twitter hat sich zudem ein mutmaßlicher US-Hacker zu der Attacke bekannt, da Wikileaks "das Leben unserer Truppen" gefährde.

Forderung nach Abschaltung

Die Anstrengungen der US-Regierung, Wikileaks in die Schranken zu weisen, dürften eher juristischer Art sein. Bereits jetzt gibt es erste Forderungen, Wikileaks-Kopf Assange wegen Hochverrats anzuklagen. Für den Fall einer Verhaftung hat Assange jedoch bereits ein verschlüsseltes Dokument im Netz deponiert, in dem sich nochmals brisante Informationen finden könnten.

US-Politiker wie Senator Joe Lieberman fordern inzwischen, Wikileaks abzuschalten, bevor weitere Geheimdepeschen veröffentlicht werden könnten. "Die Aktivitäten von Wikileaks repräsentieren eine Bedrohung für die gesamte internationale Sicherheit", wird der als Hardliner bekannte Politiker zitiert.

Das allerdings bleibt bei der dezentralen Natur des Internets eine Illusion: So stehen die Wikileaks-Server nicht auf US-Boden, sondern verteilen sich verschiedenen Berichten zufolge auf verschiedene Länder wie Frankreich, die Schweiz oder Island. Die Organisation achtet dabei nach eigenen Angaben darauf, dass die Rechtslage im jeweiligen Land den Zugriff durch Geheimdienste erschwert - und könnte im Notfall in Windeseile in ein anderes Land ziehen.

So waren die Server in einem Vorort der schwedischen Hauptstadt Stockholm vor wenigen Tagen abgeschaltet worden. In den vergangenen Monaten war immer wieder diskutiert worden, ob das schwedische Recht wirklich die Sicherheit der Wikileaks-Daten garantiert.

Allerdings könnte die Abschaltung auch einen anderen Grund gehabt haben: Kurz zuvor hatte ein Gericht einen Haftbefehl gegen Julian Assange wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung und Vergewaltigung ausgestellt.