Die App, die Frauen zum Objekt macht

Umstrittenes Programm "Girls around me" /
Von Mirjam Hauck
/ Veröffentlicht am , im Digitalblog

Sexistisch: Die App "Girls around Me"

(Foto: Cultofmac)

Die visuelle Gestaltung der "Girls around me"-App ist eindeutig: Grünlich leuchtende Frauensilhouetten räkeln sich oder tanzen auf dem virtuellen Stadtplan von Google Maps. Die Zielgruppe ist klar: einsame Männer, die Frauen kennen lernen wollen. In der Eigenwerbung heißt das: "Lust auf einen One-Night-Stand? Finde die besten Locations, wer dort ist und wie du sie erreichen kannst."

Die App kombiniert Facebook mit dem Lokalisationsdienst Foursquare. Wer dort angemeldet ist und seinen Standort für alle einsehbar veröffentlicht, wird angezeigt. Das ist nicht neu. Neu an "Girls around Me": Es wird nach Geschlecht gefiltert.

Doch anders als für die Macher der App, die russische Firma iFree-Innovations, ist das nicht für jeden einfach eine harmlose Kontakt-App. John Brownlee vom Blog Cult of Mac sieht darin ein gefährliches Werkzeug für potentielle Stalker. In seinem Beitrag legt er eindrucksvoll dar, wie einfach und schnell er sehr persönliche Dinge über die Frauen herausfinden kann, die "Girls around Me" in seiner Nähe anzeigt.

Er sieht, welche Drinks sie mögen, wo sie im Urlaub waren und wie sie im Bikini aussehen. Nun sei es doch ein leichtes sie ausfindig zu machen, sie anzusprechen. Man müsse nur noch in den Club, in den sie über Forsquare eingecheckt habe und sie mit dem Wissen aus ihrem Facebook-Profil ansprechen.

Keine Daten preisgeben

Allerdings seien die Programmierer nicht für mögliche Folgen verantwortlich, sie würden nur öffentlich zugängliche Daten miteinander verbinden. Seine Konsequenz aus der App: Nutzer dürfen nicht so viele Daten von sich preisgeben, sie sollten besser auf ihre Privatsphäreneinstellungen achten.

Für Patrick Beuth von Zeit Online ist Brownlees Darstellung "alarmistisch". Dem Artikel liege ein fragwürdiges Menschenbild zugrunde, da er zum einen unterstelle, dass Foursquare- und Facebook-Nutzer ihre Daten naiv veröffentlichen, und zum anderen, dass die "Girls around me"-Nutzer der App keine Frauen sondern Opfer suchen würden. Mit dieser Argumentation befindet er auf einer Linie mit dem Hersteller.

Im Wall Street Journal beklagen sich diese, dass Foursquare ihnen die Schnittstelle gekappt habe und man daraufhin die App aus iTunes herausnehmen musste, obwohl mehr al 70.000 Menschen sie heruntergeladen und sich durchaus lobend darüber geäußert hätten. Die negative Berichterstattung sei ein Missverständnis: "Wir glauben, es ist unethisch, uns als Sündenbock herauszugreifen, um Bedenken über die Sicherheit privater Daten zu diskutieren."

Bei dieser Diskussion geht es allerdings inzwischen aber nicht mehr nur um die Privatsphäreneinstellungen. Nathan Jurgenson fragt sich bei der Online-Ausgabe des Atlantic Monthly, warum Blogger und Journalisten bei dieser App nur über Datenschutz diskutieren. Dabei sei es allein schon wegen des Namens doch offensichtlich, dass es bei "Girls around me" nicht um Daten, sondern um Sexismus gehe. Frauen werden durch die App zum Objekt des heterosexuellen Mannes. Und auch die Diskussion über die App weise in diese Richtung. Hier sei laut vieler Schreiber das Problem nicht die App, sondern Frauen, die zu viel von sich preisgeben. Und das erinnere doch sehr an Sätze wie "Dein Rock war zu kurz" an die Adresse von Vergewaltigungsopfern.

Zwang zur Visibilität

Michèle Binswanger fügt in der Basler Zeitung der Diskussion noch einen weiteren interessanten Punkt hinzu: "Wir sollten uns also fragen, in was für einer Gesellschaft wir leben, dass die Öffentlichkeit dieser Daten überhaupt zum Problem wird. Warum westliche Frauen einem dauernden Zwang zur Visibilität ausgesetzt sind, welche Normen und Werte und welche Politik wir diesbezüglich vertreten".

Die Antwort findet sie beim amerikanischen Autor Gary Steingardt. In dessen Zukunftsvision "A Super Sad True Lovestory" sind alle Daten der Menschen, auch die über ihren Gesundheitszustand, den Kontostand, die Lebenserwartung und den "Fickfaktor" gespeichert. Hier gehe es nicht allen um Datenschutz, sondern um ein viel größeres Problem.

Menschen sollen quantifizierbar gemacht werden, um sie damit leichter beherrschen zu können.