Überwachung durch die NSA Globaler Generalverdacht

Selbst die Datenberge von Facebook oder Google wirken im Vergleich mickrig: Der US-Geheimdienst NSA speichert Millionen Adressbücher. In Einzelfällen mag dieses Ausspionieren geboten sein. Aber es geht längst nicht mehr um Einzelfälle.

Ein Kommentar von Frederik Obermaier

Alles klingt so nett: Ob man nicht vielleicht seine Freunde finden wolle, fragt Facebook. Ob man nicht wissen wolle, wen man alles kennt, erkundigt sich das soziale Netzwerk LinkedIn. Und Google Plus bietet an, bei Einladungen zu helfen. Wie einfach das digitale Leben sein kann: Ein Klick - schon haben die Internetkonzerne Zugriff auf Namen, Adressen und Telefonnummern sämtlicher Bekannter.

Die Welt ist ein Stückchen gläserner, aber eben auch bequemer. Schließlich werden wir an Geburtstage erinnert und über mögliche Jobwechsel von Freunden informiert. Dass auch der US-Geheimdienst National Security Agency (NSA) digitale Adressbücher speichert, klingt da doch gleich gar nicht mehr so schlimm.

Tagein, tagaus macht die NSA genau das, was auch Facebook, Google und andere Internetkonzerne längst machen: Sie liest Adressbücher ein, speichert Namen, Adressen und Telefonnummern. Die NSA hat 444.743 E-Mail-Adressbücher von Yahoo, 105.068 von Hotmail, 82.857 von Facebook und 33.697 von Google-Mail gesammelt. Und das an einem einzigen, gewöhnlichen Tag des Jahres 2012.

Konzerne im Datenrausch, NSA im Datenwahn

Eine übliche Ausbeute, heißt es in einem NSA-Dokument. Was an einem unüblichen Tag an Daten gehortet wird, mag man sich gar nicht ausmalen. Schon so kommt man auf hochgerechnet 250 Millionen Adressbücher pro Jahr. Selbst die Datenberge von Facebook und Google wirken dagegen mickrig.

Die Konzerne sind im kommerziellen Datenrausch, und die NSA ist im Datenwahn: "Wir werden die Antworten auf ihre Fragen kennen, ehe sie selbst schon die Frage wissen", hat einer der Chefs von Google einmal gesagt.

Die amerikanischen Nachrichtendienste, das ist klar, haben derweil jedes Gespür für Verhältnismäßigkeit verloren: Sie belauschen Diplomaten, zapfen Glasfaserkabel an, hören Telefone ab, lesen Mails, spähen Kontodaten aus. Einige Technikfreaks und Überwachungsparanoiker hatten so etwas geahnt. Doch erst der Whistleblower Edward Snowden lieferte die Belege.

Überwachung durch einen Dienst? Na und?

Jedes Papier aus seinem Fundus geheimer Dokumente bietet Stoff für einen Skandal - in der Masse wird es erdrückend. Die Überwachung ist global, die Sammelwut der Dienste und der Konzerne gigantisch, die Privatsphäre praktisch abgeschafft. So viel weiß man nun. Viele Menschen waren darüber erstaunt, einige empörten sich, die meisten jedoch wirken eher gelangweilt. Längst hat die Stunde der Beschwichtiger geschlagen. Überwachung durch einen Dienst? Na und? Die Vorhersage einer Kaufentscheidung? Na und? Ist ein staatlicher Datensammler nicht das kleinere Übel im Vergleich zu privaten Unternehmen wie Facebook?

Wer das Adressbuch eines Terroristen besitzt, findet auch schnell dessen Komplizen. Für Geheimdienste sind Adressbücher daher meist noch spannender als Telefon-Verbindungsdaten (was die NSA nicht darin hindert, diese auch im großen Stil zu speichern). In Einzelfällen mag das Ausspionieren von Adressbüchern auch geboten sein. Allerdings geht es längst nicht mehr um Einzelfälle, es geht um Millionen Menschen - um den globalen Generalverdacht.

Niemand ist gezwungen, bei Facebook Mitglied zu werden oder die Suchmaschine von Google zu nutzen. Wem die privaten Datensammler nicht geheuer sind, sollte sich ihnen nicht ausliefern - oder die Sammelwut mit ein paar Klicks weniger zumindest einhegen. Die Frage, ob man seine Freunde in ein Netzwerk einladen will, kann man schließlich auch mit Nein beantworten. Auch wer sich der NSA verweigern will, muss Nein sagen - und zwar viele Male. Denn mit einem einzigen Nein kann die Privatsphäre nicht zurückerobert werden. Dafür wurde sie in der Vergangenheit zu leichtfertig preisgegeben.