Stuttgart 21: Protestvideos im Netz Live aus der Baumkrone

Die ersten Bilder von den Ausschreitungen bei den Protesten gegen Stuttgart 21 zeigten nicht TV-Sender - Demonstranten übertrugen das Geschehen per Handy live ins Internet.

Von Johannes Kuhn

Als am Donnerstag plötzlich die Gewalt ausbrach, berichtete zunächst kein Fernsehsender darüber: Erst um 16 Uhr zeigten die Nachrichtensender n-tv und N24 die ersten Livebilder. Zu diesem Zeitpunkt war das Geschehen bereits seit Stunden im Netz zu verfolgen: Schnell zirkulierten im Netz Links auf Webcams im Schlosspark oder Live-Streams, die Demonstranten von ihren Handys in die Welt schickten.

"Nur Brachialgewalt"

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Wie wertvoll das Netz für Live-Eindrücke von Demonstrationen und Ausschreitungen ist, zeigte sich bereits bei der iranischen Präsidentschaftswahl im Jahre 2009, als Augenzeugen über Twitter das brutale Vorgehen der Polizei schilderten und ihre Aktionen koordinierten.

Im Jahr 2010 folgt die "nächste logische Entwicklungsstufe", wie der Medienjournalist Fiete Stegers unter dem Eindruck der Berichterstattung schreibt: "Es wird nicht mehr nur gebloggt, gewittert und nachträglich Videos hochgeladen: 2010 streamen Demonstranten live (oder quasi-live)"

Livestreaming-Programme gibt es bereits länger: Schon seit Jahren wird Software wie Mogulus oder UStream verwendet, um beispielsweise Konferenzen live ins Netz zu übertragen. Was früher die Computer-Webcam übernahm, erledigen inzwischen internetfähige Handys.

Im Falle von Stuttgart 21 ging das so weit, dass ein Aktivist der Umweltorganisation Robin Wood per Handy den Polizeieinsatz aus der Krone des Baumes, den er besetzte, live dokumentierte. Seine Berichterstattung verbreitete sich im ebenso schnell im Netz wie die Livebilder des Wasserwerfereinsatzes, der weinenden Kinder und die Adresse der Seite camS21.de, die Handystreams von den Protesten sammelt.

CamS21 ist erst seit wenigen Tagen online, erzählt der Betreiber Tilo Emmert. "Wir hatten das Gefühl, dass die Bilder von den Demonstrationen in den Medien sehr unterschiedlich, teilweise auch falsch zusammengeschnitten waren", erzählt der selbständige Fachinformatiker, "deshalb wollten wir ungeschnittene Bilder von Bürgern für Bürger anbieten."

Der Nutzer wählt aus, was er glaubt

Auch Emmert selbst streamte mit Hilfe seiner Laptopkamera Bilder von den Protesten und schickte die Videos in Echtzeit per UMTS-Stick ins Netz. Als in der Nacht die ersten Bäume gefällt wurden, verfolgten 14.300 Internetnutzer seine Übertragung daheim am Bildschirm.

Anders als bei TV-Livebildern, die häufig mit Analysen aus dem Studio unterlegt sind, fehlen bei Smartphone-Direktübertragungen die Erklärungen. An dieses Fehlen einer erzählerischen Autorität haben sich die Internetnutzer allerdings längst gewöhnt: Gemeinsam mit Augenzeugenberichten auf Twitter, Einschätzungen von Freunden und Meldungen auf Nachrichtenwebseiten ergibt sich ein Bild, aus dem jeder Beobachter selbst seine Schlüsse zieht. Er entscheidet, wie er den subjektiven Ausschnitt des Geschehens bewertet und welchen Informationen er glauben kann.

Darauf, dass dies nicht immer funktioniert, weist ein Kommentator unter dem Stegers-Blogeintrag hin: So verbreitete sich über Twitter auch die Falschmeldung, dass eine Frau bei dem Polizeieinsatz getötet worden sei.

Per Live-Stream von Demonstrationen zu berichten, bleibt bis auf weiteres ein Luxus, der vor allem Bürgern in den Industrienationen vorbehalten ist. So ist das UMTS-Netz in vielen Schwellenländern noch nicht ausreichend ausgebaut, um eine einwandfreie Direktübertragung der datenschweren Bilder zu gewährleisten.

Zudem besitzen autoritäre Staaten noch weitere Möglichkeiten: Als im Februar dieses Jahres erneut Studenten gegen die iranische Regierung auf die Straße gingen, drosselten die sich im Staatsbesitz befindenden Telekomfirmen des Landes die Internetgeschwindigkeit rapide - und setzten damit die Streamingdienste außer Gefecht.