Radikalisierung in sozialen Medien Die Social-Media-Strategie des Islamischen Staats

Die Anonymous-Aktivisten hinter dem Twitter Account @OpIceISIS rufen zum Widerstand gegen den Islamischen Staat auf.

(Foto: Screenshot: Twitter/OpIceISIS)

Junge Menschen ziehen freiwillig in den Krieg für den Islamischen Staat. Welche Rolle spielen soziale Medien bei ihrer Radikalisierung? Ein Gespräch mit Humera Khan, die mit dem Think-Tank Muflehun Anti-Terror-Behörden berät.

Von Lutz Knappmann, Austin

Enthauptungs-Videos bei Youtube, radikale Aufrufe bei Twitter: Der Krieg des Islamischen Staats (IS) tobt auch im Internet und in den sozialen Netzwerken. Junge Muslime radikalisieren sich durch Web-Videos, folgen den Aufrufen zum Kampf bis nach Syrien oder in den Irak. Der Think-Tank Muflehun widmet sich der Terror-Prävention und berät zu diesem Thema US-Behörden, darunter das FBI. Gründerin Humera Khan beschäftigt sich mit den Mechanismen der Radikalisierung - und damit, wie sie durchbrochen werden können.

SZ.de: Frau Khan, welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei der Radikalisierung und für die Rekrutierung junger Islamisten?

Humera Khan: Alle jungen Menschen nutzen heute soziale Medien. Sie sind Teil ihres Lebens. Für sie gibt es keinen Unterschied zwischen der Online- und der Offline-Welt. Und jedes Kommunikationsmittel, das für junge Menschen normal ist, wird auch von Islamisten genutzt. Genauso spielen persönliche Gespräche eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung junger Menschen. Das hängt sehr davon, in welcher Region das stattfindet.

Weil die Nutzung sozialer Medien regional sehr unterschiedlich ist?

Je dünner eine Region besiedelt ist, desto stärker nutzen Menschen heute digitale Kanäle, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Deshalb spielen soziale Netze bei der Radikalisierung von Muslimen in den USA beispielsweise eine größere Rolle als im dichter besiedelten Europa.

In den sozialen Netzwerken ist der IS sehr erfolgreich. Wie ensteht so eine professionelle Social-Media-Strategie?

Der IS hat Experten, die genau dafür zuständig sind. Es gab beispielsweise eine eigene Android-App, zumindest bis Google sie gestoppt hat: Wer sie heruntergeladen hat, gab dem IS faktisch die Kontrolle über seinen Twitter-Account. Wenn der IS eine Botschaft aussenden wollte, konnte er das über die Twitter-Accounts aller Nutzer tun, die diese App hatten.

Die Islamisten nutzen auch Strategien, um zu verhindern, dass ihre E-Mails im Spam-Ordner landen. Es gibt extra Lehrbücher und Ansprechpartner, die bei Problemen helfen. Die Popularität des IS ist kein Zufall. Das müssen wir ernst nehmen. Viele Regierungen waren total überrascht, dass das so professionell läuft. Aber was haben sie denn erwartet? Das sind junge, leidenschaftliche Menschen, die eine Mission verfolgen.

Aber junge Menschen ziehen nicht erst seit Twitter und Facebook für islamistische Ziele in den Kampf.

Nein. Das Internet verändert die Geschwindigkeit, mit der Informationen verfügbar sind und sich verbreiten. Aber die Muster verändern sich nicht. Menschen haben schon immer in Kriegen für andere Menschen gekämpft. Schauen sie, was in den 90er-Jahren in Bosnien geschehen ist. Damals gab es andere Kommunikationsmittel. Aber auch da sind junge Menschen in den Krieg gezogen.

Ist es der richtige Schritt, Tausende Twitter-Accounts, die radikale Botschaften verbreiten, abzuschalten?

Wenn wir verhindern wollen, dass sich junge Menschen radikalisieren, wird es nicht reichen, Accounts abzuschalten. Wir müssen uns mit den Botschaften inhaltlich auseinandersetzen. Wir können den IS nicht stoppen, ohne uns mit der politischen Krise in Syrien und im Irak zu befassen. Denn die Argumentation des IS, dass Syriens Machthaber Assad die Bevölkerung gewaltsam unterdrückt, ist ja wahr. Das hat sich der IS nicht ausgedacht.

Wie lassen sich denn junge Menschen davon abhalten, dagegen in den Kampf zu ziehen?

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Wir müssen den Menschen Alternativen bieten und Wege aufzeigen, etwas gegen die Probleme zu tun, gegen die sie aufbegehren. Die normale Reaktion ist: Geht nicht in den Irak oder nach Syrien, um zu kämpfen! Das ist nachvollziehbar. Aber was können die Menschen stattdessen tun? Das ist die Frage, bei der wir im Westen bislang versagen.

Mit Ihrer Organisation Muflehun haben sie sich dieser Arbeit verschrieben. Was ist ihre Antwort auf diese Frage?

Vor allem Prävention: Wir versuchen, die Aufmerksamkeit für das Problem der Radikalisierung zu erhöhen. Wir sprechen mit Jugendlichen, mit Eltern über diese Mechanismen: Wie erkennt man, ob jemand in Gefahr ist, ob jemand Hilfe braucht - und was kann man tun? Eltern kommen zu uns und sagen: Mein Kind will nach Syrien. Wir organisieren dann eine Intervention, mit Hilfe eines Imams. Weil er die nötige Autorität besitzt. Wenn auch eine Intervention nichts erreicht, kommen wir aber nicht umhin, die Strafverfolgungsbehörden einzuschalten. Denn an diesem Punkt ist es wichtiger, die Gesellschaft zu schützen.