Plagiatsverdacht Schwarmintelligenz bringt Guttenberg in Bedrängnis

Druck aus dem Netz: In einer gemeinsamen Aktion suchen Internetnutzer nach weiteren Stellen, die Verteidigungsminister Guttenberg bei seiner Doktorarbeit kopiert haben könnte. Und sie werden fündig. Die Uni Bayreuth gibt ihm eine 14-Tage-Frist zur Stellungnahme.

Hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bei seiner Dissertation ohne Kennzeichnung abgeschrieben - und wenn ja, wo? Mit dieser Frage beschäftigen sich inzwischen längst nicht mehr nur die klassischen Medien: In einem gemeinsamen Wiki - einer von Usern inhaltlich frei editierbaren Webseite - gehen Internetnutzer Spuren nach.

Die "kollaborative Dokumentation der Plagiate", an der jeder mitarbeiten kann, führt inzwischen 23 Seiten der Dissertation auf, die verdächtige Stellen enthalten. Viele davon sind bekannt und zum Beispiel bei sueddeutsche.de dokumentiert, andere hingegen sind neu, von anonymen Nutzern recherchiert und zusammengetragen.

Bereits in der Einleitung der Dissertation findet sich demnach neben der Übernahme von Absätzen eines Aufsatzes aus der Frankfurter Allgemeinen Zeitung offenbar eine weitere nicht gekennzeichnete Stelle, die aus dem Vortrag des Direktors am Zentrum für Europäische Integrationsforschung, Ludger Kühnhardt, aus dem Jahr 2003 stammt und nur leicht verändert wurde.

Das Original lautet (hier als pdf, Seite 10): "Nur in Amerika schien Vertrauen in das neue Werk der Europäer zu bestehen. Dort wurde der Verfassungskonvent ungeniert mit dem Konvent von Philadelphia verglichen, der 1787 die bis heute bestehende amerikanische Verfassung erarbeitet hat." Bei Guttenberg heißt es: "Bezeichnenderweise schien (zumindest in der Anfangsphase des Konvents) nur in den USA Vertrauen in das neue Werk der Europäer zu bestehen. Dort wurde der Verfassungskonvent in den Medien wie in der polititschen Debatte zuweilen ungeniert mit dem Konvent von Philadelphia verglichen."

Ähnliche Umformulierungen finden sich auch an anderen Stellen. So dokumentieren die anonymen Nutzer im Netz eine Passage aus der Habilitationsschrift des Göttinger Jura-Professors Thomas Schmitz aus dem Jahr 2001. Diese habe Guttenberg nur wenig abgewandelt und ohne Angabe von Quellen auf Seite 154 übernommen. Die Süddeutschen Zeitung sowie andere Medien verwiesen darüber hinaus noch auf die Ähnlichkeiten zu einem Aufsatz des Tübinger Verfassungsrechtlers Martin Nettesheim: Guttenberg hat hier eine Passage mit insgesamt 255 Wörtern übernommen, die Absätze ähneln sich stark. Auch dies ist auf der Seite dokumentiert.

Die Kollaborationsseite der Plagiatsjäger im Internet nennt sich GuttenPlag. Wie im bekanntesten Wiki, dem Online-Lexikon Wikipedia, können dort alle Mitarbeiter gemeinsam Texte bearbeiten und eigene Funde hinzufügen. Auf der Hauptseite erklären die Initiatoren, ihre Mission sei "eine kritische Auseinandersetzung mit Karl-Theodor zu Guttenbergs Dissertation 'Verfassung und Verfassungsrecht'". Dies habe "nichts mit politischer Ausrichtung, persönlicher Schmutzkampagne oder Ähnlichem zu tun".

Und weiter: "Unser Ziel ist, die wissenschaftliche Integrität eines Doktortitels in Deutschland zu sichern, damit auch weiterhin eine korrekte wissenschaftliche Arbeitsweise von Trägern eines solchen Titels erwartet werden kann." Durch das Aufdecken existierender Plagiate solle der Bayreuther Prüfungskommission die Arbeit erleichtert werden.

Das Kollaborationsprojekt wird bereits in zahlreichen Blogs verlinkt, eine erste Version der Plattform als gemeinschaftliches Google-Dokument war schnell überlastet, die Plagiats-Übersichtsseite inzwischen wegen Vandalismus gesperrt. Je mehr neue Stellen die Internetnutzer dokumentieren, desto enger dürfte es für den Verteidigungsminister werden.

Die Uni Bayreuth forderte Guttenberg unterdessen auf, binnen zwei Wochen zu den Plagiatsvorwürfen bei seiner Doktorarbeit Stellung zu nehmen. "Wir nehmen die Vorwürfe sehr ernst", sagte Uni-Präsident Rüdiger Bormann. Es gebe allerdings keine Hinweise darauf, dass das Promotionsverfahren nicht ordnungsgemäß verlaufen sei. "Wir haben sehr strenge Qualitätsmaßstäbe", betonte Bormann. "Wir sind gut beraten, diese einzuhalten."