Parallelwelt Big Data Die Filmindustrie muss umdenken

Die Parallelwelt, in der die Codes reagieren, hat eine Botschaft an alle anderen Welten. Sie lautet: Ihr könnt euch kein Bildnis machen.

Außer vielleicht, wenn wirklich mal eine Abhöraktion gegen eine ganz konkrete, weltbekannte Person enthüllt wird. Angela Merkel und ihr Handy, das ist dann tatsächlich mal ein Bild, an dem man sich festhalten kann - und die Lauscher in der US-Botschaft am Brandenburger Tor, kaum 500 Meter vom Kanzleramt entfernt, kann man sich ebenfalls prima vorstellen. Dann - aber wirklich erst dann - ist die Aufregung auf einmal riesig.

Keine Briefchen, keine Notizen, nur digitale Zeichen

Besonders stark fällt das Bildproblem immer dann auf, wenn Spielfilm-Regisseure doch versuchen, äußere Aktion zu inszenieren. Da gibt es immer wieder die Standardszene, in der Programmierer inspiriert zusammensitzen und Codes austauschen. Und plötzlich springt einer auf und schreibt wirre Zeichen an eine Tafel, oder noch besser: auf eine Glasplatte.

So kann die Kamera sogar sein Gesicht zeigen, während er auf die wirren Zeichen starrt - und die Kumpels nicken begeistert. Das kommt zum Beispiel in "The Social Network" vor, dem Facebook-Film von Aaron Sorkin und David Fincher.

In Wahrheit ist die Welt des Programmierens gerade dadurch definiert, dass eben nichts mehr auf Tafeln oder Kladden geschrieben, ja nicht einmal auf Papier ausgedruckt wird. Programmcode wird zwischen Programmierern auf digitalem Weg geteilt, anders würden sich zu viele Fehler einschleichen. Er hinterlässt keine visuelle Spur.

Oder diese andere Standardszene: Immer öfter laufen die irrsten Einbrüche und Verfolgungsjagden des Kinos inzwischen auf die Jagd nach einem simplen USB-Stick hinaus: Agentenlisten, Zugänge zu Offshore-Konten, Geheimnisse ganzer Imperien sollen darauf gespeichert sein. Wie aber sieht er aus? Wie vom Grabbeltisch im nächstbesten Media-Markt.

Der Agent am Grenzübergang ist längst anachronistisch

Aber so schäbig er als visueller Rest auch wirken mag: Dieser Stick ist das Letzte, an dem das Kino - und überhaupt der Mensch - sich noch festhalten kann. Alles Weitere löst sich ins Immaterielle auf. Und genaugenommen sind auch solche Szenen längst anachronistisch, Erinnerungen an eine Zeit, als das Agentenherz am Grenzübergang noch bis zum Hals schlug und der Maulwurf in dunklen Gassen um sein Leben rannte. Warum Geheimnisse noch am Körper tragen, wenn sie der Cypherpunk auf der ganzen Welt per Mausklick abrufen kann - vom klandestin verschlüsselten Privatserver?

Hier lässt sich ein Verdacht nicht länger von der Hand weisen: Für einige der größten Storys der Gegenwart, seien es nun Schurkenstücke oder Heldensagen, fehlt uns schlicht die Bildvorstellung - und für das, was wirklich mit den Codes passiert, gibt es nicht einmal eine Sprache. Das Universum der Programme scheint inkompatibel zu sein mit der Welt der Narrative, mit den üblichen Instrumenten unserer Wirklichkeitsbeschreibung ist es nicht mehr zu erfassen.

Merkels Handy als Symbol des Widerstands

Wie sonst wäre es zum Beispiel zu erklären, das selbst einem großen Gegenwartserzähler wie Aaron Sorkin ("The West Wing") zu dem Phänomen Mark Zuckerberg so gar nichts einfällt? In "The Social Network" hat er ihn als einsamen Nerd beschrieben, der unbedingt Mädchen flachlegen und in die exklusivsten Clubs von Harvard vorstoßen will. Nur deshalb - gewissermaßen aus der sexuellen Not heraus - erfindet er Facebook. Von den beiden Hollywood-Projekten, die sich jetzt dem Leben von Steve Jobs widmen, ist leider wenig Klügeres zu erwarten.

So rächt sich die alte Welt der Bilder an der neuen Welt der Codes. Alles wird wieder auf uralte Muster reduziert, die schon seit der Steinzeit gelten. Auf den ersten Blick mag das wie ein leicht errungener Sieg aussehen, denn Zuckerberg kann darauf nicht mit eigenen Bildern antworten. Es ist aber nur noch ein hilfloser Abwehrreflex - die wahre Geschichte, das ahnt man auch in Hollywood, wird längst von den Codes geschrieben.

Wo aber alle Bilder fehlen, da fehlt auch die Vorstellung dafür, was in der Parallelwelt der Programmiersprachen überhaupt passiert. All die Enthüllungen der jüngsten Zeit, die das Horrorszenario einer restlos überwachten Welt bestätigen, bleiben letztlich abstrakt. So abstrakt wie das Gefühl, dass man eigentlich Widerstand leisten müsste. Nur wie, und gegen wen konkret? Braucht nicht jeder Widerstand ein Symbol, ein Fanal, ein visuelles Grundmotiv? Jetzt haben wir Merkels Handy - na prima.

Geschichten, für die es keine Bilder gibt, hören eines Tages auf, Geschichten zu sein. Sie gerinnen zu kalten, harten Tatsachen. Und irgendwann lassen sie sich auch nicht mehr umschreiben.