Neue Graph Search von Facebook Kennt mich jemand?

Facebook Graph Search: Mächtige, umstrittene neue Facebook-Suche

(Foto: dpa-tmn)

Die bisherige Suchfunktion ist so unbefriedigend wie der Umgang mit Nutzerdaten: Mit der neuen Graph Search will Facebook jetzt nicht nur Daten sammeln, sondern endlich richtig viel Geld verdienen. Tatsächlich ist die Graph Search beeindruckend und beängstigend zugleich.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Will jemand mit mir Tennis spielen? Kennt jemand einen Umzugshelfer in der Gegend? Hat jemand eine Restaurantempfehlung für eine Stadt, in der man noch nie war? Diese Fragen hat sich wohl jeder schon einmal gestellt. Das Schöne ist, dass jeder höchstwahrscheinlich selbst jemand passenden kennt. Über Facebook. Man findet diese Person allerdings nicht, obwohl die Menge der auf dem sozialen Netzwerk eingestellten Daten enorm ist. 1,1 Milliarden Nutzer gibt es weltweit, viele aktualisieren ihr Profil mehrmals täglich. 3,3 Millionen Updates gab es im Mai bei Facebook. Pro Minute. Die Mitglieder veröffentlichen unentwegt, was sie gerade tun, was sie mögen, worin sie Experten sind.

Facebook weiß viel über seine Mitglieder, nun will der Datenkrake etwas davon zurückgeben - natürlich nicht ohne Hintergedanken. Das neue Tentakel heißt "Graph Search". Am Montag wurde nach einem halben Jahr Testphase die neue Suchfunktion ausgespielt. Mitglieder, die "US English" als Standardsprache eingestellt haben, können Graph Search nutzen. Auch deutsche Mitglieder können das tun. Weitere Sprachen werden folgen.

Für Facebook ist Graph Search so wichtig wie die Einführung der Chronik - eine Art virtuelles Tagebuch - im Dezember 2011, womöglich gar noch wichtiger. Die Anwendung ist die Gelegenheit, aus einer Firma, die Unmengen Daten sammelt, ein Unternehmen zu machen, das Unmengen Geld verdient: Facebook versorgt seine Nutzer mit Daten, bekommt aber gleichzeitig noch mehr Informationen von den Mitgliedern - weil Graph Search umso besser funktioniert, je mehr diese von sich preisgeben. Noch mehr Daten sollen die Werbeeinnahmen steigern und zu mehr Umsatz und Gewinn führen. Dafür gräbt Facebook tief in seinem eigenen Gedächtnis und damit in den Profilen der Nutzer.

"Wir haben noch viel Arbeit vor uns"

Facebooks bisherige Suche ist etwa so unbefriedigend wie der Umgang des Konzerns mit Nutzerdaten. Graph Search soll dieses Problem lösen. Samuel Rasmussen etwa ist nicht nur leitender Ingenieur bei Facebook und mitverantwortlich für das Projekt, er geht auch gerne zum Ballett. Mit der bisherigen Suche war es nur schwer möglich, Gleichgesinnte im kalifornischen Palo Alto zu finden. Kaum jemand gibt bei Facebook explizit an, dass ihm allgemein formulierte Dinge wie etwa Ballett gefallen. Facebook musste einen Algorithmus entwickeln, der verwandte Seiten berücksichtigt und quasi mitdenkt.

Nur weil einem Nutzer eine Aufführung von "Schwanensee" gefällt, muss er noch lange kein Ballettfan sein. Wenn aber jemand durch Klicken angibt, ständig in verschiedene Vorstellungen zu rennen, ist die Chance recht hoch, dass es sich um einen Ballettfan handelt. "Wir haben die Anwendung sehr früh veröffentlicht, als sie sich noch in einem rohen Zustand befand", sagt Rasmussen. Als er im Januar eintippte: "Freunde in Palo Alto, die Ballett mögen", fand Graph Search gerade einmal zwei Menschen. "Ich wusste aber, dass viele Freunde von mir einzelne Ballettproduktionen mochten und das auch bei Facebook mitgeteilt haben", sagt er. Mittlerweile findet er deutlich mehr.

Die Testpersonen hatten auch angemerkt, dass sich Graph Search schwertat, Synonyme für Suchbegriffe zu erkennen - dieses Problem ist noch immer nicht gelöst. Auch die Limitiertheit des Facebook-prägenden Daumen-hoch-Buttons wird sichtbar: Ja, vielen Freunden gefällt ein bestimmtes Restaurant, aber wie sehr es ihnen gefällt und ob man eher seine Angebetete oder einen Geschäftspartner dorthin einladen sollte, wird nicht ersichtlich. Es gibt nur Daumen hoch oder eben keinen Daumen hoch. Rasmussen zufolge befindet sich Graph Search auch nach einem halben Jahr voller Tests immer noch in der Entwicklungsphase: "Wir sind über den Punkt hinaus, wo wir ein Problem lösen können und dann etwas Magisches passiert. Wir haben die Grundlage geschaffen und müssen sie nun weiterentwickeln. Wir haben noch viele Jahre Arbeit vor uns."