Marc Goodman über Cyberkriminaliät "Das Internet hat die Polizeiarbeit zerstört"

Privatfirmen, Regierungen und Kriminelle wollen unsere Daten - und das ist erst der Anfang: Sicherheitsexperte Marc Goodman im Gespräch über die Verbrechen der Zukunft.

Von Johannes Kuhn, Palo Alto

Marc Goodman beschäftigt sich seit Mitte der 90er Jahre mit Cyberkriminalität. Er hat für Interpol weltweit Ermittler trainiert, berät das FBI und hält Vorlesungen am Zukunftsinstitut Singularity University. Sein Buch "Future Crimes" liegt seit kurzem unter dem Titel "Global Hack" in deutscher Sprache vor (Hanser Verlag). Im Interview spricht er über Unsicherheit, Kriminalität und Gegenwehr im digitalen Zeitalter.

SZ: Sie waren lange Strafverfolger und haben sich schon früh auf Internet-Kriminalität spezialisiert. Wie ist die Lage im Jahr 2015?

Marc Goodman: Das Internet hat die Polizeiarbeit zerstört. Kriminalität hat sich stärker internationalisiert und die Polizei agiert weiterhin auf lokaler Ebene. Wenn ein Banküberfall in Berlin war, wussten wir früher: Tat, Geschädigter, Videomaterial und Fingerabdrücke waren in Berlin, die örtliche Polizei war zuständig. Heute kann jemand in Russland sitzen, eine Bank in Brasilien angreifen - über verschiedene internationale Server geschleust - und danach in New York ans Werk gehen.

Marc Goodman ermittelte schon in den Neunzigern gegen Internet-Kriminelle - nun warnt er, dass alles noch schlimmer werden könnte.

(Foto: CG Photography, oH)

Was tut die Polizei dagegen?

Sie versteht es nicht. Die Verantwortlichen sagen, dass wir effektivere Taktiken brauchen, bessere Werkzeuge, bessere Ausbildung. Das ist alles wahr, aber es wird keinen Unterschied machen. Die Systeme sind grundverschieden, der Hase wird den Igel niemals einholen.

War das schon immer so?

Kriminelle waren stets innovativer als die Polizei. 1996 habe ich die Internet-Abteilung der Polizei von Los Angeles gegründet. Ich sagte meinen Chef damals: Wir brauchen eine Einheit für Computerkriminalität. Er fragte: "Hmm, was ist das? Wenn du jemandem einen PC-Monitor über den Kopf haust?" Kriminelle hatten vor der Polizei Funkmelder, Computer, Mobiltelefone. Ich erinnere mich an die frühen Neunziger, da machten die Drogenkartelle in Kolumbien und Mexiko ihre Abrechnung. Die Dealer in Los Angeles wählten mit einem Modem einen Computer in Cali, Mexiko, an und trugen dort in Quicken (ein Abrechnungsprogramm; Anm. d. Red.) die Umsätze ein. Wenn man ihre Maschine beschlagnahmte, waren darauf keine Daten - die lagen alle in Mexiko.

Was macht Ihnen im Jahr 2015 am meisten Sorgen?

Die Tatsache, dass all unsere Daten online sind, dass Kreditkarten-Daten, medizinische Daten gestohlen werden können. Attacken auf Finanzdienste, kritische Infrastrukturen wie Kraftwerke könnten verheerende Konsequenzen haben. Aber auch die kommerzielle Nutzung der intimen Informationen, die wir über Smartphones abgeben. Dein Telefon weiß, wie du deinen Tag verbringst, wie lange du in einer Kneipe bist oder ob du in eine Abtreibungsklinik gehst. Wie diese Daten einmal ausgenutzt oder verkauft werden, ist völlig unklar. Sicher aber ist, dass sie kenntlich werden - und Versicherungen interessieren sich bereits jetzt für sie.

In Ihrem Buch stellen Sie Cyberkriminalität, Überwachung und die kommerzielle Datenverwertung nebeneinander.

Hier im Silicon Valley zeigen sie mit den Fingern auf die NSA und das FBI. Dabei hat Google viel mehr Daten als das FBI jemals hatte oder haben wird. Facebooks Grundeinstellung ist das Gegenteil von "privat", weil ihre Einnahmen vom Sammeln persönlicher Informationen abhängig sind. Jeder kann hier in den USA Daten sammeln, nicht nur die Regierung. Und weil niemand das Ausmaß kennt, werden die Menschen zu leichten Opfern.

Die Snowden-Enthüllungen haben zu einer Debatte geführt. Trauen Sie den Technologie-Firmen mehr als Lippenbekenntnisse zu?

Es gibt ein paar Firmen, die über Datenschutz sprechen, vielleicht meinen sie es ernst, vielleicht nicht. Wir wissen es nicht, wir vertrauen dem Code, den in der Regel niemand kennt. Und selbst wenn - wir können nicht zehn Millionen Zeilen Code auseinandernehmen. Dabei sind wir erst am Anfang: Das Internet der Dinge, Nanobiologie, synthetische Biologie, künstliche Intelligenz, Robotik - all diese Technologien haben auch Aspekte, die Privatsphäre und Sicherheit betreffen.

Die vernetzte Welt verspricht aber Komfort.

Cisco zufolge werden wir bis 2020 etwa 50 Milliarden neue Dinge ans Internet anschließen, Intel geht von 200 Milliarden aus. Einer Studie von Hewlett Packard zufolge haben heute 70 Prozent der Gegenstände Sicherheitslücken. Wir verbinden Autos, Fernseher, Überwachungskameras, Schrittmacher mit dem Internet, und alles ist hackbar. Selbst die Straßenlaterne vor Ihrem Haus wird eine IP-Adresse haben. Wir müssten jetzt über das Design und die Folgen für die Privatsphäre nachdenken, stattdessen schmeißen wir das Zeug einfach auf den Markt.

Für Ihre ehemaligen Kollegen ist das doch grandios!

Natürlich sehe ich die Vorteile, wenn ich meinen Polizeihut aufsetze. Als ich anfing, auf Streife zu gehen, gab es nur wenige Handys. Wenn heute ein Krimineller so blöd ist, sein Handy mit sich zu tragen, können Sie ihn finden. Wenn du alle paar Meter eine Überwachungskamera hast, kannst du ihn auch leicht nachverfolgen. Autos mit GPS - ja, Strafverfolger mögen das. Aber ich wurde nicht als Polizist geboren, ich wurde später einer. Und als Bürger mache ich mir Sorgen um meine Rechte.