Klarnamen-Debatte in Skandinavien Zeitungen schränken anonyme Kommentare im Netz drastisch ein

Anonym im Netz? Für Besucher schwedischer Zeitungswebsites ist das seit den Anschlägen von Oslo keine Selbstverständlichkeit mehr: Die Verlage setzen dort nun auf scharfe Kontrollen für Nutzerkommentare. Doch es gibt Kritik.

Von Gunnar Herrmann

Als Folge der Anschläge von Norwegen haben in dieser Woche drei große schwedische Zeitungen überraschend bekannt gegeben, die Möglichkeiten für anonyme Kommentare auf ihren Websites drastisch einzuschränken. Dagens Nyheter, größte Abo-Zeitung des Landes, schaltete seine Foren sogar ganz ab. Bis Mitte Oktober soll die Netzdebatte auf DN.se verstummen, teilte das Blatt mit. Dann werde man ein neues System mit schärferen Kontrollen einführen.

Klarnamen-Debatte bei Aftonbladet:"Einige überschreiten die Grenze."

(Foto: Screenshot)

Die Aktion, an der sich auch die großen Boulevardblätter Expressen und Aftonbladet beteiligten, sorgte für einen Aufschrei in der Netzgemeinde. Von "Zensur" war die Rede. Anna Troberg, Vorsitzende der Piratenpartei, nannte die Entwicklung "beunruhigend und unglücklich".

Schweden ist stolz auf seine lange Tradition der Meinungsfreiheit. Die Medien ließen ihre Foren bislang weit offen: Die Nutzer mussten meist nicht einmal eine E-Mail-Adresse angeben. Unflätiges versuchten die Redaktionen im Nachhinein zu löschen, kamen aufgrund der Meinungsflut damit aber oft nicht mehr nach.

Anders als in Deutschland gab es in Skandinavien nach den Anschlägen von Utøya und Oslo kaum politische Diskussionen um Netzanonymität - staatliche Einmischung in die Medien ist verpönt. Aber der Terror von Norwegen befeuerte eine Debatte innerhalb der Branche, die nun in Selbstregulierung mündete. Diskutiert wurde über das Thema ohnehin schon länger, einige Lokalzeitungen hatten die Forenregeln bereits im Frühjahr verschärft.

Facebook-Profil als Identitätsnachweis

Bei Aftonbladet sollen sich die Nutzer nun künftig mit einem Facebook-Profil einloggen, um zu kommentieren. Damit soll die Anonymität eingeschränkt werden - obwohl es natürlich möglich bleibt, sich bei Facebook ein Pseudonym zuzulegen. Chefredakteur Jan Helin hofft dennoch, dass der Ton sich bessert, wenn man einen Namen nennen muss.

Die Idee hat Aftonbladet von seinem norwegischen Schwesternblatt Verdens Gang übernommen, das dieses System kurz nach den Anschlägen einführte und damit nach eigenen Angaben gute Erfahrungen macht.

Expressen geht sogar noch weiter: Dort sollen künftig alle Nutzerbeiträge von Redakteuren freigeschaltet werden. "Das war kein einfacher Beschluss für eine liberale Zeitung", erklärte Chefredakteur Thomas Matsson in seinem Blog und stellte resigniert fest: "Das Medium ist zwar reif für das Publikum, aber das Publikum ist nicht reif für das Medium."

Internet-Portale als "Gastgeber"

Üble Personenangriffe wolle er nicht länger tolerieren. Es sei auch nicht vernünftig, dass so gut wie alle Foren - selbst unter Berichten zu Wetter und Sport - von Leuten gefüllt würden, die gegen Einwanderer seien. Rassistische Kommentare nannten die Blätter als Hauptgrund für ihren Vorstoß.

Dass die Netzdebatten teils aus dem Ruder laufen, räumt selbst Troberg von der Piratenpartei ein. "Einige überschreiten die Grenze und benehmen sich wie Schweine", schrieb sie im Aftonbladet. Die Reaktion hält sie dennoch für falsch: Statt Unerwünschtes zu verbannen sollten die Journalisten lieber als "Gastgeber" auftreten und mitdiskutieren: Ein Mensch, dem man gegenübertrete, werde sich "seltener wie ein Idiot verhalten, als ein Mensch um den sich niemand kümmert".